Polens merkwürdige Kampagne gegen Kryptowährungen

Auf der Liste der Länder, die gegen Kryptowährungen sind, stach Polen nie besonders hervor. Tatsächlich gab es sogar genügend Hinweise, aus denen man schließen konnte, dass das Osteuropäische Land den Bitcoin und die Blockchain-Technologie eher begrüßt.

Eine kürzlich aufgedeckte Verleumdungskampagne der NBP (Nationale Polnische Bank oder Zentralbank) hat jedoch alles etwas durcheinander gebracht. Die NBP hat zugegeben, ein paar YouTubern etwa 17.000 Euro bezahlt zu haben, um polnische Bürger davon abzuhalten, Kryptowährungen zu kaufen. Denn die Bank hat befürchtet, dass diese ihr gesamtes Geld verlieren.

Die NBP bezeichnete es als eine "Aufklärungskampagne", um die Gefahren von Kryptowährungen zu vermitteln. Aber es vermittelte eher den Eindruck einer Hetzkampagne und wirft die Frage auf, wie die polnische Regierung denn nun zu Kryptowährungen steht.

Scheinbare Akzeptanz

Polen hat, wie andere EU-Länder nie wirklich eine Unzufriedenheit mit Kryptowährungen gezeigt. Bis zu dieser jetzigen Kampagne, die versucht, Kryptowährungen in Misskredit zu bringen. Noch im Jahr 2013 wurde von einem Beamten des polnischen Finanzministeriums berichtet, der sagte: "Was nicht verboten ist, ist erlaubt. Wir können Bitcoin jedoch nicht als legale Währung betrachten."

Im Jahr 2015 veröffentlichte das polnische Finanzministerium eine Erklärung zur Begründung: "Jede regulatorische Maßnahme, die sich mit den Problemen des Handels mit virtuellen Währungen befasst. Sie sollten entweder aufgrund von EU-weiten Initiativen im Hinblick auf den grenzübergreifenden Charakter des Geschäfts oder aufgrund eines drohenden Kryptomarktversagens ergriffen werden."

In einem Interview im Februar 2015 erklärte Filip Godecki, der CCO von Bitcurex, einer der größten polnischen Kryptowährungsbörsen, dass die Haltung der Regierung als neutral gilt: "Aus unserer Sicht wäre es schwierig, von einem negativen Trend zu sprechen. Die Haltung gegenüber Bitcoin in Polen ist neutral und entspricht den Tendenzen in den meisten EU-Ländern. Die Institutionen betrachten das Projekt aus einer gewissen Distanz und warten darauf, was als nächstes kommt. Bei Banken ist die Situation ähnlich."

Im Februar 2017 wurde der Handel mit Bitcoin und anderen Kryptowährungen im Land offiziell anerkannt. Es wurde auf einer Webseite der Regierung erklärt, dass ab dem 1. Dezember 2016 "Die Ausgabe von elektronischer Währung und der Kauf und Verkauf von elektronischer Währung über das Internet werden von offiziellen Statistikdiensten in Polen klassifiziert". Es gibt zwar keine eindeutige Haltung zu Bitcoin und Kryptowährungen in Polen, doch die Regierung hat es ihnen scheinbar gestattet, zu existieren und weiterhin in Betrieb zu bleiben.

Wachsende Beliebtheit

Einer der größten Anzeichen für die Bitcoin-freundliche Politik der polnischen Regierung war, dass sie im März 2017 ihr Gute-Praxis-Dokument veröffentlichte, mit dem die Digitalisierung des nationalen Kryptowährungsmarkts gefördert werden sollte. Außerdem sollte es Start-Ups dabei helfen, sich auf dem Markt zu etablieren.

Diesen Richtlinien folgten einige andere Programme, die darauf abzielten, Kryptowährungstechnologien zu fördern. Ein Beispiel dafür ist das "Blockchain/DLT-Stream und Digitalwährungen"-Programm des Ministeriums für Digitalisierung.

Ein noch deutlicheres Zeichen ist, dass viele bekannte Kryptowährungsunternehmen sich in den letzten Jahren in Polen niedergelassen haben. Der Grund dafür ist, dass das Bankensystem sehr begrüßend und viel liberaler war als viele andere in Europa. Sogar die britischen Börsen und selbst das berüchtigte Unternehmen Mt.Gox hatten ihre finanzielle Unterstützung in Polen.

Jüngste Hetze

Obwohl Polen keine definitive Haltung zu Bitcoin, Blockchain und dem gesamten Markt für Kryptowährungen ausgedrückt hat, gibt es Hinweise darauf, dass die Regierung Potenziale und Möglichkeiten darin sieht. Es ist daher sehr überraschend, dass die polnische Zentralbank diese Verleumdungskampagne gestartet hat. Diese wurde zwar teilweise versteckt, aber dennoch schamlos geführt.

Im Gespräch mit Cointelegraph erklärte der polnische Journalist und Youtube-Blogger Karol Paciorek kurz den Grund dieser Kampagne:

"Es gab einen Produkt-Placement-Deal zwischen der NBP und drei großen Youtube-Kanälen: Marcin Dubiel - 937,000 Abonnenten; Wisnia - 818,000 Abonnenten; und Planeta Faktów 1 Mio. Abonennten. Es ist eine Aufklärungskampagne, die von einer Regierungsorganisation finanziert wird. Jemand fragte NBP, wie viel sie für die Kampagne bezahlt hatten, und darauf kam die Antwort: 17.000 Euro."

Das Problem ist, dass diese Videos Bitcoin sehr verleumden und kaum als Aufklärung im eigentlichen Sinne bezeichnet werden können. Außerdem gab es keinen Hinweis darauf, dass es sich um ein bezahltes oder gesponsertes Video handelte.

Ein weiterer Blogger, Maciek Budzich aus dem Mediafun Blog, hat ebenfalls über die merkwürdigen, gesponserten Videos und deren Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Kryptowährungen in Polen geschrieben. Budzich zeigt die tatsächliche Antwort der NBP, als sie nach der Kampagne gefragt wurde. Diese enthält Informationen und die gezahlte Summe. In Polen hat jeder Bürger das Recht, die staatlichen Behörden (im Rahmen des Zugangs zu öffentlichen Informationen) über Geld und Staatsausgaben zu befragen.

NBP

Budzich stellt fest, dass er bezüglich der Echtheit des Briefes Zweifel hat. Doch er hält ihn für echt, solange es keine anderweitige Reaktion von den Behörden gibt. Er wurde auch von weiteren Quellen veröffentlicht. Budzich merkte an, dass Gamellon, eine Youtube-Netzwerkpartnerfirma, der Empfänger der staatlichen Gelder war und Verbindungen zu ein paar der genannten Youtube-Kanäle hatte. Die einzige Bestätigung, die er bekam, war, dass Gamellon mit der NBP kooperierte, sich aber weigerte, weitere Einzelheiten preiszugeben. Auch die Bestimmungen des Vertrags wollte das Unternehmen nicht offenlegen.

Es ist offensichtlich, dass die Zentralbank darauf hingearbeitet hat, Kryptowährungen auf diesen Youtube-Kanälen zu verleumden. Das wirft Fragen über die Haltung auf, die Polen zeigen wird, wenn es darum geht, Kryptowährungen im Land zu regulieren.

Es gibt weitere greifbare Beweise zur Haltung der NBP gegenüber Digitalwährungen auf ihrem Informationsportal, das folgenden Titel hat: "Virtuelle Währungen sind kein Geld." Auf der Startseite steht:

"Dies ist eine digitale Implementierung eines Vertragswerts zwischen zwei Nutzern, der nicht von keiner Zentralbank der Welt ausgegeben oder garantiert wird, wie beispielsweise der polnische Zloty, der von der Polnischen Nationalbank ausgestellt wird. Ein weiteres Risiko besteht in der fehlenden allgemeinen Akzeptanz solcher Kryptowährungen. Virtuelle Währungen werden nicht in allen Einzelhandelsgeschäften und für Dienstleistungen akzeptiert. Sie sind kein gesetzliches Zahlungsmittel oder Währung. "

Welche Auswirkungen hatte das?

Die Kampagne hat sicherlich Aufmerksamkeit erregt, aber wahrscheinlich aus den falschen Gründen. Denn die meisten Medien berichteten über die geheime Finanzierung und nicht über die "Aufklärungskampagne". Als in Polen öffentlich wurde, dass die Youtube-Videos von der NBP bezahlt wurden, reagierte die Krypto-Community im Land mit Wut.

Im Gespräch mit Cointelegraph gab ein polnischer Kryptotrader namens Crypto Polish Guru auf Twitter einen Einblick:

"Die Leute sind entweder wütend über diese Aktion oder ignorieren sie. Also, nur die jungen Leute. Ältere Leute schauen Youtube nicht! In meinem Land mögen die Leute die Regierung ohnehin nicht."

Auch der Fortschritt von Blockchain und Fintech in Polen ist laut Crypto Polish Guru ein Auf und Ab.

"Wir haben das Ministerium für Digitalisierung, aber der Minister Anna Strezynska wurde vor zwei oder drei Monaten entlassen. Sie gründete eine Blockchain-Gruppe, die sich für den Aufbau einer guten Umgebung für Krypto in Polen einsetzte. Für mich war das eine unserer besten Ministerinnen. Ich denke, dass sie die Blockchain-Arbeitsgruppe jetzt abschaffen werden."

Warum die Geheimnistuerei?

Die Entscheidung der NBP, eine voreingenommene und gewundene "Aufklärungskampagne" auf Grundlage der Gefahr von Bitcoin zu starten, wird hier in Frage gestellt. Es wäre verständlich, wenn sie eine Erklärung abgegeben hätten. Wie sie es getan haben, als sie definiert haben, was Kryptowährung ist und was nicht. Doch es erscheint seltsam, dass die Versuche, eine Warnung zu auszudrücken, als Angstmache wahrgenommen wurden.

Von den Youtubern gab es keine Links zum NBP und es gab keine Links in den Videos zur Bank. Die Verbindung kam erst heraus, als die NBP gefragt wurde, ob sie die Kampagne finanziert oder nicht. Diese Art von Informationsvermittlung stellt die Taktik der Zentralbank und ihre Motive in Frage. Das wirft auch die Frage auf, wie Polen in Zukunft Kryptowährungen regulieren wird.  

Reaktion der NBP

Obwohl die Kampagne nicht als eine von der NBP gesponserte Kampagne ausgestrahlt und beworben wurde, waren sie nie ungehalten, wenn es um die Erklärung der Einzelheiten ihrer so genannten Aufklärungskampagne ging. Tomasz Jaroszek, der für doradca.tv schreibt, hat die NBP ähnlich wie Budzich befragt und eine Antwort gefordert, die er auch bekam.

Die recht lange Antwort der NBP rechtfertigt den Versuch, die polnische Bevölkerung über die Gefahren von Kryptowährungen aufzuklären und eine Reihe von großen Gefahren aufzulisten. Darunter fallen zum Beispiel die Volatilität, fehlende zentrale Unterstützung und Cyberkriminalität.

Die NBP begann ihre Erklärung, indem sie ihre Staatsaufgabe in den Vordergrund stellte, diese Kampagne zu führen. Sie gab an, dass sie ihre "verfassungsmäßigen und gesetzlichen Aufgaben" für das Wohl des "Wertes des polnischen Geldes und der Stabilität des polnischen Finanzsystems" erfüllen.

Nach den aufgelisteten Gefahren von Kryptowährungen macht die NBP dann auf eine Warnung aufmerksam, die sie im Juni letzten Jahres ausgesprochen habt, bevor sie die Dezemberkampagne erläuterte:

"Ziel der seit Dezember 2017 durchgeführten Informationskampagne ist es, ein möglichst breites Publikum zu erreichen, das möglicherweise daran interessiert ist, virtuelle Währungen zu nutzen. Darunter sind auch Personen, die keine Erfahrung mit riskanten Investments haben. Und diesem Publikum wollen wir grundlegende Kenntnisse über die Risiken von Investitionen in Kryptowährungen vermitteln. Diese Kampagne soll Menschen, die an Investitionen in Kryptowährungen interessiert sind, von Handlungen abhalten, die ihnen große Verluste bringen könnten. Oder damit sie zumindest, wenn sie bewusst solche Handlungen betreiben, die damit verbundenen Risiken kennen. Die NBP hat beschlossen, eine Kampagne über die Medien - digital und traditionell - durchzuführen."

Das interessante ist jedoch, dass die NBP offen zugab, dass sie nichts gegen die Blockchain-Technologie hat. Das deutet darauf hin, dass dies nicht als Hetzkampagne gedacht war:

"Gleichzeitig betonen wir, dass die NBP der Entwicklung der Blockchain-Technologie und deren Nutzung nicht ablehnend gegenüber steht. Aber die Anwendung dieser Technologie auf dem Finanzmarkt muss ebenso sicher und bewährt sein wie bei anderen Technologien."

Eine Reflexreaktion?

Es ist schwer, zu verstehen, warum die NBP gerade so gehandelt hat. Natürlich haben sie die Pflicht, über die Gefahren von Kryptowährungen zu informieren. Aber die Kampagne, die sie geführt haben, scheint Verwirrung zu stiften.

Crypto Polish Guru machte abschließende Bemerkungen darüber, warum diese Kampagne so wahrgenommen wurde. Das könnte mit einem früheren Zeitpunkt zu tun haben, zu dem die NBP nicht reagierte.

"Vor ein paar Jahren hatten wir in meinem Land eine große Sache mit Amber Gold - einem Unternehmen, das hohe Renditen für Einlagen angeboten hat, die man mit ihnen abgeschlossen hat [im Wesentlichen ein Schneeballsystem]. Dieses ging insolvent und alle Investoren haben ihr gesamtes Geld verloren. Zu dieser Zeit reagierten die NBP und andere Institutionen überhaupt nicht. Dafür wurden sie stark kritisiert."