Die Blockchain steht kurz vor ihrem 10. Geburtstag, nachdem sie 2009 in Verbindung mit Bitcoin erfunden wurde. Trotz vieler Jahre der Weiterentwicklung der Blockchain hat diese immer noch nicht ihre wirkliche Killer-App gefunden. Sie wird teilweise immer noch als eine störende Technologie aufgefasst, die dazu geführt habe, dass eine andere Technologie zunehmend als veraltet gilt.

Kryptowährungen sind immer größer und größer geworden, was ihnen viel Aufmerksamkeit verschafft hat und zu einem Wachstum des gesamten Ökosystems geführt hat. Derweil wurde die Basistechnologie angepriesen und weiterentwickelt, aber ihre Implementierung war bislang oft nicht mehr als ein bunter Knallbonbon. Die Gründe, warum die Blockchain-Revolution immer noch läuft sind vielseitig. Ein Faktor, dem dabei eine wichtige Rolle zukommen könnte ist die zunehmende Adaption der Technologie durch viele Unternehmen, die bislang mit High-Tech als auch mit Blockchain wenig am Hut hatte.

Die deutschen Autobauer BMW, Mercedes und Porsche haben in der letzten Zeit damit für Schlagzeilen gesorgt, dass sie neuerdings mit Blockchain-Technologie experimentieren. Großunternehmen von außerhalb des Tech- und Blockchain-Bereichs könnten durch ihren Eintritt in das Ökosystem der Blockchain einiges an Auftrieb verleihen, wenn sie Einsatzmöglichkeiten in der Realwirtschaft fernab des sonstigen Hypes aufzeigen.

Der Blockchain fehlt immer noch die "Killer-App"

Die Blockchain hat ihr wahres Potential immer noch nicht ausgeschöpft, vor allem nicht in ihrer Natur als disruptive Technologie. Das Kryptowährungs-Ökosystem wird langsam erwachsen, entwickelt sich kontinuierlich weiter und kommt damit langsam im Mainstream an. Als eine Basistechnologie wird sie fernab davon trotzdem kaum eingesetzt.

Ein gutes Beispiel dafür ist der ICO-Bereich, welcher vor kreativen Ideen nur so strotzt, wie die Blockchain viele Bereiche revolutionieren könnte, von öffentlichen Identitäten bis hin zu Webcam-Pornoseiten. Diese Entwicklungen stecken jedoch allesamt noch in den Kinderschuhen und was ihren tatsächlichen Einsatz betrifft, sieht es ziemlich mager aus.

Lorien Gamaroff, CEO von Bankymoon, einem Service von Blockchain-Lösungen, dämpft die Erwartungen an die Produkte seines eigenen Unternehmens. Er konstatiert, dass die Blockchain-Technologie noch Zeit brauche, um erwachsen zu werden. Unterdessen sollen sich die Menschen auf Kryptowährungen konzentrieren, und diese fehlerfrei machen.

"Ich bin ein Pessimist und ich bin wirklich zynisch geworden im Umgang mit so vielen Unternehmen, die versuchen, sich auf Blockchain einzulassen. Ich mag den Hype, den wir derzeit erleben nicht, weil die meisten Ideen und Lösungen besser mit Datenbanken umgesetzt werden. Wir reiten gerade auf einer Blockchain-Hype-Blase."

Nach der Meinung von Gamaroff sind Kryptowährungen die wahren Killer-Apps für Blockchain: "Wir brauchen jetzt den nächsten Schritt, wir müssen es einfacher und nahtlos machen, aber es gibt so viel Geld und Mühe, die in ICOs und verschiedene Blockchains gesteckt werden, das damit verschwendet wird. Hätten wir diese Aufmerksamkeit auf Krypto-Währungen gelenkt, wären wir so viel weiter." Es könnte sein, dass die ICO-Innovationsphase, die wir derzeit durchlaufen, die Blockchain-Revolution verlangsamt, und was wir wirklich bräuchten, Unternehmen wären, die mit mehr Arbeitskräften und Ressourcen die Technologie vorantreiben.

Es tauchen immer mehr Unternehmen aus dem Technologiesektor aus dem Dunstkreis von Microsoft und IBM auf, die sich mit der Blockchain beschäftigen. Dies könnte der nötige Anschub sein, welcher die Blockchain aus der Innovationsphase heraus zum wirklichen Einsatz bringt. Wenn Unternehmen, die nicht direkt an der Technologie beteiligt sind, in den Blockchain-Bereich einsteigen, dann wird dieser um eine neue Dimension erweitert. Sie machen nicht nur den von Gameroff erwähnten Hype mit, sondern sehen auch einen praktischen Nutzen der Technologie.

Blockchain auf dem Sprung

In jüngster Zeit tauchten drei Beispiele von Automobilfirmen auf, die für ihre Leistungsfähigkeit und Effizienz bekannt sind und sich bereits mit verschiedenen Blockchain-Lösungen auseinandergesetzt haben. Mercedes-Benz, oder besser gesagt, die Muttergesellschaft, der Automobilkonzern Daimler AG, bringt mit MobiCoin eine eigene Kryptowährung auf den Markt, um Autofahrer für umweltfreundliche Fahrgewohnheiten zu belohnen. Das Projekt befindet sich für die nächsten drei Monate in der Testphase, in der 500 Fahrer, die umweltfreundliche Fahrweisen befolgen, mit MobiCoins belohnt werden.

Darüber hinaus erforscht der Automobilhersteller Porsche in Kooperation mit dem Berliner Startup XAIN Blockchain-Apps in seinen Fahrzeugen. Porsche hat sich in einer offiziellen Stellungnahme als "ersten Automobilhersteller, der Blockchain in einem Auto implementiert und erfolgreich getestet hat" bezeichnet. Und auch BMW baut offenbar sein Blockchain-Repertoire auf. Der Autobauer soll angeblich eine Partnerschaft mit einem Blockchain-Startup planen, um ethisches produziertes Kobalt für seine Produkte zu beschaffen, berichtete Reuters unter Berufung auf den CEO des Startups.

Die drei Autohersteller betreten alle den Blockchain-Raum an verschiedenen Stellen, mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Die eigentliche Geschichte dahinter ist, dass die Automobilindustrie zahlreiche praktische Einsatzmöglichkeiten für die Blockchain sieht. Im Kontrast zu dem Hype rund um ICOs für Kryptowährungen gehen diese Meldungen meist unter. Die Blockchain-Technologie bietet aber tatsächlich vielen Unternehmen interessante Chancen.

Mercedes kann etwa mit Hilfe der Blockchain und Smart Contracts das Autofahren sicherer und umweltfreundlicher machen. Auch BMW bewegt sich auf diesem ethischen Pfad und will mit Hilfe eines unveränderlichen Protokolls den Ursprung des verwendeten Kobalts genau nachverfolgen, und damit sicherstellen, dass bei seinem Abbau keine Menschen zu Schaden kommen. Und Porsche setzt sich mit Autorisierungssystemen auf Blockchain-Basis auseinander, die für das Öffnen und Schließen von Autotüren per App genutzt werden können und auch für verbesserte Geschäftsprozesse durch eine neuartige, verschlüsselte Datenprotokolierung.

All diese Anwendungen können dazu beitragen, dass eine Industrie, die schon immer auf dem neuesten Stand der Technik war, einen weiteren Schritt nach vorne macht. Für die Blockchain selbst bedeutet dies einen Innovationsschub, der sie aus einem Nischenbereich für Startups herausbringen könnte.

Blick in die Zukunft

Die Innovation von Blockchain war selbst nie das Problem, ähnliche Konzepte gab es bereits 2001 in Ansätzen. Der legendäre Kryptograph Nick Szabo veranschaulichte bereits damals anhand von Beispielen das Konzept derartiger Smart Contracts, wie Porsche sie jetzt implementieren will. Szabo beschrieb, wie Vertrauensprobleme durch "Selbstausführung" gelöst werden können und durch eine Verbindung von Eigentum mit einem Eigentümernachweis: "Zum Beispiel könnte der Schlüssel zu einem Auto, das auf Kredit verkauft wird, nur funktionieren, wenn die monatlichen Zahlungen geleistet wurden."

Zu den erfolgreich getesteten Anwendungen gehören laut Porsche unter anderem das Ver- und Entriegeln des Fahrzeugs über eine App und die Autorisierung des temporären Zugangs. "Die Technologie ermöglicht es, temporäre Zutrittsberechtigungen für das Fahrzeug zu vergeben - sicher und effizient", heißt es in einer Porsche-Pressemitteilung, die Szabos Worte über das, was in Zukunft mit Blockchain möglich sein wird, aufgreift. "Mit Blockchain kann eine geschützte Verbindung zu Fahrzeugdaten und Funktionalitäten hergestellt werden. Gleichzeitig schützt es die gesamte Kommunikation zwischen den Teilnehmern."

Kein Opfer des Hypes werden

Die Blockchain-Technologie ist enorm spannend, und die Möglichkeiten scheinen unendlich zu sein. Sie hat einen massiven ICO-Boom ausgelöst, aber auch das Interesse von Technologie-Giganten geweckt, die gleichermaßen begeistert sind. Der Unterschied liegt darin, dass Unternehmen außerhalb des fortschreitenden Technologiebereichs nach neuen Wegen suchen, um innovativ zu bleiben. Wenn sie das Gefühl haben, dass sie etwas aus einer Technologie herausholen können und dabei helfen können, sie voranzutreiben, kann das nur von Vorteil sein.

Der Blockchain-Bereich wird schon so lange auf dem Rücken der ICOs vorangetrieben, und jetzt, da diese neue Welle des Unternehmensinteresses einsetzt, glaubt man dass ein Fortschritt möglich ist, von dem alle profitieren. Es handelt sich nicht um eine Firmenübernahme, wie Anja Hendel, Direktorin von Porsche Digital Lab, erklärt. Sie verweist darauf, dass Porsche mehr tut, als nur auf den Blockchain-Zug aufzuspringen.

"Porsche ist nun offizielles Fördermitglied des Deutschen Gründerverbandes. Mit über 750 Start-ups ist es eines der wichtigsten Netzwerke, um Gründer, Investoren und Unternehmen hier in Deutschland zusammenzubringen. Gemeinsam mit den Gründern wollen wir neue Lösungen in den Bereichen Blockchains, Künstliche Intelligenz, Internet der Dinge, Cybersicherheit und Mobilität entwickeln - gleichberechtigt mit unseren internen Experten hier im Labor."

Startups, die sich bereits im Blockchain-Automobilbereich engagieren, sind davon begeistert, was diese Ikonen des Automobilsektors für ihr wachsendes Ökosystem leisten können. “We can see a huge amount of hype in the car industry around Blockchain technology,” sagt Tim Bos, CEO und Gründer von ShareRing und Keaz, einem Unternehmen, das auf Partnerschaften mit großen Automobilunternehmen und Flottenmanagement-Tools hinarbeitet:

"Mit der Blockchain, die sich als die Zukunft der Sicherheit erweist, und mit Autos, die im Wesentlichen zu IoT-Geräten werden - scheint die Verschmelzung von beidem nur natürlich zu sein. Für führende Automobilhersteller ist es durchaus sinnvoll, bei dieser Spitzentechnologie als Erster dabei zu sein. Wir gehen davon aus, dass wir auch in vielen automobilen Geschäften den Ausstieg aus dem Zwischenhandel erleben werden, wodurch die Zugänglichkeit von Autos und anderen automobilen Lösungen durch diese neue technologische Gelegenheit verbessert wird."

Es scheint eine echte Begeisterung über die Möglichkeiten der Blockchain in der Automobilindustrie zu geben, die sich von dem allgemeinen Hype der ICOs und schnelllebigen Blockchain-Projekten unterscheidet. Diese Großunternehmen nehmen eher Start-ups an Bord, um ihre Innovationen aufzubauen und sie so effizient umzusetzen, wie es nur deutsche Autokonzerne können.

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