In der Ideologie der Blockchain-Community hat die Finanzkrise von 2008 einen ganz besonderen Platz. Diese Zäsur in der Geschichte des Kapitalismus bildet den notwendigen Kontrast, um die Vorzüge einer dezentralisierten Digitalwährung zu verdeutlichen. Hier hat sich gezeigt, was passiert, wenn zu viel Vertrauen in die Hände einiger weniger Institutionen gelegt wird. Wie der Verlust dieses Vertrauens im Extremfall aussieht, zeigte sich in der Krise. Logischerweise ist das Jahr 2008 daraus als der Anfang der Kryptowährungen hervorgegangen. Einerseits ebnete der Zusammenbruch der Finanzinstitute den Weg für digitales Geld, andererseits diente das Ereignis angeblich als Inspiration für Satoshi Nakamoto, den Gründer von Bitcoin, sein Manifest zu verfassen.

Die Gründungsgeschichte legt natürlich nah, dass die Krise vermeidbar gewesen wäre, wäre Blockchain schon damals zum Einsatz gekommen. Als Schlussfolgerung ergibt sich, dass eine zukünftige, großflächige Implementierung von Distributed-Ledger-Technologie (DLT) in der Finanzwelt uns vor der nächsten großen Wirtschaftskrise schützen kann. Das sehen zumindest die Krypto-Visionäre und Finanzexperten so, unter ihnen zuletzt auch Pang Huadong, ehemaliger Vize-Präsident des amerikanischen Investmentbanking Riesen J.P. Morgan Chase.

Der ehemalige Wall Street Manager meint, Blockchain sei in der Lage, die Risiken der globalen Finanz zu minimieren und gleichzeitig Vertrauen mit geringem Aufwand etablieren zu können. Um die Argumentation von Huadong genauer zu verstehen, ist es wichtig zu betrachten, wie andere Kyprto-Experten die Beziehung zwischen Finanzkrise und Blockchain bewerten.

Die Vertrauenskrise

Im kürzlich veröffentlichten Buch The Truth Machine (Deutsch: Die Wahrheitsmaschine) haben die Fin-Tech Journalisten Michael Casey und Paul Vigna den Zusammensturz der Lehman Brothers genommen, um daran ein übergeordnetes Thema ihres Buches zu verdeutlichen, die Idee von Vertrauen als einer zentralen gesellschaftlichen Ressource. Obwohl es in der Finanzwelt viele Leute gibt, die 2008 als eine Krise von kurzfristiger Liquidität sehen, pochen Casey und Vigna darauf, dass diese Sichtweise oberflächlich ist. Die beiden Journalisten sehen die Wurzel allen Übels vielmehr in dem grenzenlosen Vertrauen, das die Gesellschaft den Finanzinstitutionen, und deren Integrität bei Buchführung und Geschäftsführung, unhinterfragt entgegenbrachte. Dieses ungebrochene Vertrauen ermöglichte es Bänkern, ihre Bücher zu manipulieren, um so über Jahre wieder und wieder Wertanlagen zu verkaufen, die keinerlei Gegenwert mehr hatten.

Allein die Tatsache, dass die Bank Lehman Brothers Einnahmen in Rekordhöhe von 4,2 Mrd. $ angegeben hatte, nur neun Monate bevor sie am Höhepunkt der Krise kollabierte, zeigt, wie realitätsfern die Geschäftsberichte der Firma waren. Selbst die Annahme es gäbe eine unbestreitbare „Realität“ kann mittlerweile in Zweifel gezogen werden, denn ,wie der Bloomberg Journalist Matt Levine im Buch zitiert wird, die Bilanzen der Banken sind dermaßen kompliziert und undurchsichtig geworden, dass selbst ehrliche Buchführung nur noch ein reines Ratespiel  bei der Bewertung der Vermögensanlagen ist. Für einen Menschen ist es nahezu unmöglich, mit Sicherheit sagen zu können, ob eine Bank Gewinn oder Verlust gemacht hat. In gewisser Weise hat das bestehende Buchführungssystem quasi die Grenzen der eigenen Skalierbarkeit erreicht.  

Casey und Vigna heben heraus, dass im Zentrum des Rechnungswesens immer noch das jahrhundertealte Konzept der doppelten Buchführung steht. Hier müssen bei der Vermögensbewertung Soll und Haben ständig miteinander ausgeglichen sein. Dieses System ist seit jeher ein integraler Bestandteil des Kapitalismus und genießt deshalb, nahezu reflexartig, ein besonders hohes Maß an Vertrauen. Dieses Vertrauen könnte allerdings fehl am Platze sein. Neben der Ineffizienz bietet der Mechanismus der doppelten Eintragung auch viel Freiraum für Manipulation.  

Obwohl die Firma in Schulden versank, wendeten die Lehman Brothers eine Reihe zwielichtiger Tricksereien an, damit die Bücher ein florierendes Unternehmen widerspiegelten. Einer davon war, große Mengen an Krediten jeweils am Ende eines Quartals aus den Büchern zu nehmen, indem diese vorrübergehend in sogenannten Rückkaufvereinbarungen geparkt wurden. Sobald der frisierte Quartalsbericht vorlag, wurden die Schulden dann zurück auf die Konten gebucht. Ein anderes Vorgehen nutzte das Konzept von „schwierig-zu-bewertenden“ Wertanlagen aus, indem Buchhalter der Bank einfach willkürlich besonders hohe Werte für solche Anlagen berechnete. Im Prinzip hat die Bank also zwei parallele Bücher geführt, ein internes und ein zweites für die Öffentlichkeit.

Mögliche Auswege

Wenn wir akzeptieren, dass ein Mangel an Transparenz multipliziert mit übermäßigem Vertrauen in die Banken, die treibenden Kräfte für die Krise von 2008 waren – und auch für zukünftige sein könnten – dann scheint die Dezentralisierung der Bücher der Finanzbranche wie eine vielversprechende Lösung. Sobald der Wert und das Eigentumsrecht jeder einzelnen Vermögensanlage unveränderbar in einer transparenten, geteilten Datenbank gespeichert sind, wird Manipulation von einzelnen Personen quasi unmöglich. Wie Alex Tapscott in seinem 2016 veröffentlichten Buch (Blockchain Revolution) schon beschrieb, würde die erhöhte Transparenz von Kapitalflüssen höhere finanzielle Sicherheit bedeuten, wodurch die Blockchain einen entscheidenden Beitrag zur Vermeidung einer erneuten Finanzkrise leisten könnte.

Tapscott meint, dass Zentralbanken und Finanzaufsichtsbehörden dann nicht mehr einzelnen Banken auf die Finger schauen müssten. Der Zugang zu einer gemeinsamen Datenbank der Transaktionen würde ihnen ermöglichen, Zahlungsströme in Echtzeit zu verfolgen. Die Aufsichtsbehörden hätten so ein deutlicheres Bild von der Gesamtliquidität und Risikoverteilung, während sie gleichzeitig auch einzelne Firmen beobachten könnten. Mit diesen Instrumenten wären sie nicht länger gezwungen, Schätzungen über den Gesundheitszustand des Finanzsystems zu machen, vielmehr hätten sie einen Makro-Blick auf die Kapitalströme und könnten an spezifischen Engpässen eingreifen, falls nötig.

Außerdem hat Tapscott auch das Potenzial von Blockchain im Hinblick auf andere Bereiche untersucht, in denen Finanzrisiken besondere Tragweite haben. In diese Kategorie fällt beispielsweise Kreditbetrug, einer der führenden Gründe für die Zunahme an Forderungsausfällen, besonders in Entwicklungsländern. In einer Zukunft, in der alle Kreditnehmer ihre persönlichen Informationen in einer dezentralisierten Datenbank abspeichern, wird Kreditbetrug zum Problem der Vergangenheit. Außerdem meint Tapscott, dass die großflächige Annahme von DLT im Finanzwesen den Sektor der Schattenbanken ausmerzen könnte. Diese Branche wirkt als Finanzintermediär, operiert allerdings außerhalb von jeglicher Regulierung.

Eine ganz radikale Lösung, die Blockchain für das Problem einer erneuten Wirtschaftskrise bietet, liegt in der Tatsache, dass die Technologie das globale Finanzsystem und auch Banken nahezu obsolet machen könnte. Wie Urvi Guglani, eine Blockchain-Expertin von der Universität Berkeley, in einem Blog-Eintrag meint, könnten Banken, als vertrauenswürdige Mittelsmänner, innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte langsam verschwinden.  Sie würden dann durch Peer-To-Peer Netzwerke ersetzt, die dann die primäre Vertrauensinfrastruktur bilden. Die Finanzwelt würde sich dadurch von einem Anlage-basierten Modell in ein Geldfluss-basiertes Modell verwandeln, so dass es keine Krisen mehr geben könnte, die durch falsche Anlagebewertung und unterschätzte Risiken zu Stande kommen. Allerdings bedeutet dies nicht, dass das neue System nicht auch irgendeine Form von Zusammenbruch erleben kann.

Grenzen

Alle oben genannten Lösungsansätze setzen ein erweitertes Stadium der Annahmebereitschaft für Blockchain voraus. Außerdem müssten alle Akteuren im Bankwesen, sowie die Finanzbehörden und Kunden gemeinsam auf einem dezentralisierten Kassenbuch (Distributed-Ledger) arbeiten. Wie weit ist dies noch von einer möglichen Realität entfernt, wird es überhaupt jemals so kommen?

Obwohl mittlerweile jede Bank dabei ist, DLT-Anwendungen für den internen Gebrauch zu entwickeln, bedeutet dies nicht, dass daraus in den nächsten Jahren transparente und unvermittelte Systeme entstehen. Das vorherrschende Modell der Kooperation im Kryptobereich fußt heutzutage auf einem Konsortium von Organisationen, die einen gemeinsamen Standard für Open-Source Software einführen wollen. Der Wall Street gesponserte Ableger davon existiert bereits und nennt sich R3. Hier haben sich mehr als 200 Finanzunternehmen weltweit zusammengeschlossen, um die gemeinsame Distributed-Ledger Plattform Corda zu bauen.

Incumbent banks' Blockchain initiative

Quelle: Business Insider

Es wäre naiv zu glauben, dass die Top-Finanzunternehmen ihre Ressourcen bündeln, nur mit der Absicht, ein System zu schaffen, das Regierungen und Aufsichtsbehörden ein präzises Instrument an die Hand gibt, um sie zu überwachen. Oder, dass die existierenden Banken den Grundstein für ein Peer-To-Peer Netzwerk legen, das sie langsam aus der Funktion als Vertrauensinhaber drängen würde. Viel wahrscheinlicher ist die Annahme, dass Banken darauf abzielen, eine Infrastruktur zu entwickeln, die ihren Zwecken dienen kann. Diese würde zwar trotzdem mehr Verantwortlichkeit und Transparenz mit sich bringen, würde deren Rolle als zentraler Torwächter allerdings nicht gefährden.

Es gibt wenig Zweifel, dass die dezentralisierten Kassenbücher (Distributed-Ledger) irgendwann die doppelte Buchführung ablösen werden. Jedoch gibt es diese Distributed-Ledgers in verschiedensten Formen und es ist noch nicht entschieden, welche sich davon durchsetzt. Die Banken der Wall Street zielen dabei auf sogenannte „Permissioned Blockchains“ ab, bei denen die Teilnehmer der Blockchain jeweils entsprechende Rechte und Zulassungen benötigen. Zwar würden diese ebenfalls die Verantwortlichkeit der Finanzeinrichtungen erhöhen , allerdings ändern sie nicht das bestehende Modell des Vertrauens-Managements.

Die Alternative dazu ist der Aufbau einer komplett neuen Finanzinfrastruktur. Eine solche, bei der der wahre Peer-To-Peer Geist erhalten bliebe und für deren Ledger es keine bestimmte Zugangsberechtigung braucht. Eine Transformation von diesem Ausmaß würde jedoch einen großen politischen Willen oder eine weltweite dezentralisierte Strömung für ein generalüberholtes Finanzsystem brauchen. Welche Form sich am Ende auch durchsetzt, wir sollten das jeweilige Buchführungssystem niemals als ideal ansehen und uns stattdessen über dessen Schwächen und mögliche Angriffspunkte im Klaren sein.

Melde dich bei unseren Sozialen Medien an, um nichts zu verpassen: X, YouTube, Instagram und Telegram – aktuelle Nachrichten, Analysen, Expertenmeinungen und Interviews mit Fokus auf die DACH-Region.