Expert Take: 6 Mythen über Bitcoin und wieviel Wahrheit dahinter steckt

In unseren Expert Takes äußern Meinungsführer innerhalb und außerhalb der Kryptoindustrie ihre Ansichten, teilen ihre Erfahrungen und geben professionelle Ratschläge. Unsere Expert Takes decken alle Bereiche der Krypto-Industrie ab. Von Blockchain -Technologie und ICO-Finanzierung bis hin zur Versteuerung, Regulierung und Akzeptanz von Kryptowährungen in verschiedenen Bereichen der Wirtschaft.

Wenn Sie gerne einen Expert Take abgeben möchten, schicken Sie uns Ihre Ideen und Ihren Lebenslauf per Email an george@cointelegraph.com.

Bei all der negativen Presse, mit der Bitcoin zu kämpfen hat, gehen die Argumente, die für Bitcoin sprechen, manchmal in diesen lauten Stimmen unter. Sehen wir uns doch mal typische Angriffe auf Bitcoin an und wie die Community auf diese reagieren könnte.

Bitcoin kostet zuviel

Obwohl der Bitcoin von seinem Rekordhoch um mehr als 60 Prozent gesunken ist - zum Zeitpunkt der Verfassung dieses Artikels liegt er bei rund 5.705 Euro (bei Redaktionsschluss etwa bei 5.800 Euro - Cointelegraph) - schreckt der Preis eines Bitcoin immer noch viele Menschen davon ab, auf den Markt zu gehen. Auch wenn Bitcoin seit Mitte 2017 auf der Titelseite vieler Online-Zeitungen steht, wissen die meisten noch nicht, dass sie auch einen Bruchteil eines Bitcoins kaufen können. Also stellen wir die Sache einmal klar: 1 Bitcoin kann in 100 Millionen Satoshis (die kleinste Bitcoin-Einheit) unterteilt werden. Nur weil man sich keinen vollen Goldbarren leisten kann (490.000 Euro pro Stück), bedeutet das nicht, dass man keine Goldmünze kaufen oder sogar nur 100 Euro durch einen Gold-ETF investieren kann, um an Gold kommen. Das Gleiche kann man mit Bitcoin machen.

Maximale Bitcoin-Anzahl

Bei einer angenommenen Weltbevölkerung von 7 Milliarden Menschen wären 300.000 Satoshis oder 0,003 Bitcoin pro Person verfügbar. Da in mehreren Studien geschätzt wurde, dass in den frühen Jahren 3 bis 4 Millionen Bitcoins verloren gegangen sind, liegt die tatsächliche Zahl wahrscheinlich bei 220.000 - 250.000 Satoshis pro Person.

Dieses Problem führte Ende 2017 zu einer überschwänglichen Rallye. Plötzlich stiegen alle Coins unter 0,80 Euro an, da viele glaubten, sie seien "billig". Da jeder Coin eine andere maximale Anzahl hat, ist der Preis eines Coin irrelevant. Entscheidend ist die Marktkapitalisierung des ausstehenden Angebots und ob ein bestimmter Coin Zukunft hat oder nicht. Seit dieser Rallye sind die meisten dieser Coins um 80 Prozent gesunken. Denn diese Zunahmen haben nie Sinn gemacht.

Man muss bedenken, dass es auf der Welt mehr Millionäre gibt, als es jemals Bitcoins geben wird. Daher wird der Preis von 1 Bitcoin bald nicht mehr die richtige Messeinheit sein. Man wird eher zu 1 mBTC (1 Tausendstel eines Bitcoins) oder sogar 1 Satoshi übergehen. Die aktuelle Marktkapitalisierung von Bitcoin beträgt 97 Mrd. Euro, während das US-Dollar-M2-Angebot bei 11.400 Mrd. liegt und der Wert des gesamten abgebauten Goldes 6.500 Mrd.. Da ist also noch viel Luft nach oben. Bei 5.700 Euro pro Bitcoin beträgt der Preis von 1 Satoshi  0,0057 Euro-Cents - bei diesem Preis kann jeder investieren.

Der Kurs von Bitcoin ist zu volatil, um Geld zu investieren

Es nicht zu leugnen, dass der Bitcoin-Kurs sehr volatil ist, aber dafür gibt es gute Gründe. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit gibt es eine kryptographisch sichere, dezentralisierte Währung, die weder von einer Zentralbank noch von einem materiellen Vermögen gestützt wird. Es wäre sogar noch überraschender, wenn Bitcoin bereits jetzt stabil wäre. Das Volatilitätsproblem wird sich wahrscheinlich mit der Zeit selbst lösen, wenn die Marktkapitalisierung von Bitcoin mit denen von anderen Vermögenswerten vergleichbar wird, mit denen sie konkurriert (Fiat-Währungen oder Gold) oder wenn sie auf Null geht!

Kryptowährungen sind die volatilste und spekulativste Vermögenswertklasse der Welt. Wenn Sie also in Bitcoin oder andere Kryptowährungen investieren, sollten Sie wissen, worauf Sie sich da einlassen und Sie sollten nur Geld investieren, das auch bedenkenlos verlieren können. Nur Geld zu investieren, das man sich leisten kann zu verlieren, gibt einem etwas sehr Wertvolles: Zeit. Wenn Sie Zeit haben, werden Sie nie gezwungen sein zu verkaufen, wenn der Preis niedrig ist. Und Sie können Marktzyklen, einschließlich schwerer Abschwünge, überstehen.

Bitcoin ist schlecht für die Umwelt

Als Bitcoin im Jahr 2009 von Satoshi Nakamoto gemint wurde, konnte er auf einem einfachen Laptop gemint werden und es dauerte durchschnittlich 10 Minuten, um einen Block zu minen, genau wie heute. Der Bitcoin-Algorithmus passt die Schwierigkeit des kryptografischen Puzzles, das Minenarbeiter lösen müssen, um einen Block zu validieren und die Belohnung zu erhalten, automatisch so an, dass es im Durchschnitt immer 10 Minuten dauert, um einen Block zu minen. Je mehr Ressourcen ins Bitcoin-Netzwerk kommen, desto höher ist die Schwierigkeit. Diese Schwierigkeit macht das Bitcoin-Netzwerk zum leistungsfähigsten und damit sichersten Netzwerk der Welt.

Der Grund, warum Miner Milliarden von US-Dollar in spezialisierte Mining-Geräte investiert haben, ist, dass Bitcoin so wertvoll ist. Das liegt nicht am Anstieg der Nutzeranzahl und auch nicht an der steigenden Anzahl der Transaktionen. Solange Bitcoin wertvoll ist, werden Unternehmen in Mining-Geräte investieren, um die Belohnung zu erhalten, die mit dem erfolgreichen Mining eines Blocks verbunden ist. Diese Miner verbrauchen große Mengen Strom, um ihre Betriebe am Laufen zu halten. Genau das wurde stark kritisiert. Aber da die Stromkosten die Hauptbetriebskosten für die Miner sind, suchen sie stets nach billigem Strom auf der ganzen Welt. Strom ist dort billig, wo es einen Überschuss davon gibt. Diesen gibt es normalerweise in Ländern mit großen erneuerbaren Ressourcen, so dass die tatsächliche Auswirkung eines Mining-Betriebs in einem Land mit einem Überschüss an Wasserkraft gar nicht mal so schlecht sein könnte, wie das, was darüber geschrieben wurde.

Bei 5.700 Euro pro Bitcoin belaufen sich die jährlichen Kosten für das Bitcoin-Netzwerk auf 3,7 Md. Euro und ein beträchtlicher Teil davon wird für Stromrechnungen ausgegeben. Aber was das Bitcoin-Netzwerk für diese Kosten bietet, ist eine Blockchain, die von keinem Computer oder keiner Technologie auf dem Planeten gehackt werden kann.

Bitcoin wird zwar von Umweltschützern ins Visier genommen, aber das traditionelle Fiat-System ist auch nicht perfekt. Viele Ressourcen werden unter anderem auch für den Betrieb von Rechenzentren, den Aufbau und die Stromversorgung von Bankfilialen und den Druck von Banknoten verwendet.  Allein die US-Notenbank gibt umgerechnet 570 Mio. Euro pro Jahr aus, nur um Dollarnoten zu drucken. Was Bitcoin zu einem leichten Ziel macht, ist lediglich die Tatsache, dass es relativ einfach ist herauszufinden, wie viel Strom er verbraucht.

40 Prozent aller Bitcoins werden von 1.000 Menschen kontrolliert

Ein weiterer Mythos ist, dass angeblich 40 Prozent der Bitcoins von nur 1.000 Menschen gehalten werden. In Wirklichkeit ist das reine Spekulation. Was wir sicher wissen ist, dass es derzeit 24 Millionen Bitcoin-Wallets gibt. Jedoch kann eine Person Hunderte von Wallets haben oder eine Wallet Bitcoins von Tausenden oder Millionen von Menschen enthalten. Damit ist jede Analyse der Konzentration des Reichtums der Bitcoin-Besitzer ziemlich unmöglich.

Die zwei Wallets, die die meisten Bitcoins enthalten, wurden als die Cold-Wallets von Bitfinex und Bittrex identifiziert. Jemand, der lediglich die Rohdaten betrachtet, würde allerdings einfach schlussfolgern, dass die Besitzer dieser beiden Wallets Milliardäre sind. In Wahrheit gehören die Bitcoins in diesen Wallets Tausenden oder Millionen von Kunden dieser Börsen. Coinbase behauptet allein schon, über 10 Millionen Nutzer zu haben. Wenn Sie einer Börse Ihre Bitcoins anvertrauen - was Sie nicht sollten - erstellt die Börse keine spezielle Wallet für Sie auf der Blockchain. Sie sendet einfach einige der Bitcoins, die von einem Nutzer bei ihr hinterlegt wurde, an einen anderen Nutzer weiter.

Die meisten Wallets wiederum erstellen jedes Mal eine neue Adresse, wenn eine Transaktion eingeht. Das bedeutet, wenn jemand mit einer Hardware-Wallet 5 Mal 0.2 Bitcoin erhält, hat dieser jemand 1 Bitcoin, der auf 5 verschiedene Adressen verteilt ist. Es gibt keine Möglichkeit, herauszulesen, dass diese 5 Adressen tatsächlich zu derselben Person gehören. Die starke Konzentration des Reichtums in der Bitcoin-Welt mag Realität sein oder auch nicht. Aber überzeugende Beweise müssen erst noch dafür gefunden werden, um die Diskussion darüber zu beenden.

Bitcoin wird verwendet, um Drogen zu kaufen und Geld zu waschen

Bei Bitcoin ist jede einzelne Transaktion öffentlich, was nicht gerade ideal ist, wenn Sie illegale Aktivitäten durchführen möchten. Kürzlich wurden zwei Berichte veröffentlicht, in denen behauptet wurde, dass nur 1 Prozent aller Bitcoin-Transaktionen für Geldwäsche oder  44 Prozent für illegale Aktivitäten verwendet wurden. Man muss wohl nicht dazu sagen, dass es in diesem Punkt keine einheitliche Meinung gibt.

Das Problem bei der Verwendung von Bitcoin oder einer anderen Kryptowährung für illegale Aktivitäten ist, dass Sie mit diesen noch nicht viel anfangen können, wenn Sie sie illegal erworben haben. Wenn Sie eine große illegale Operation durchführen und sich plötzlich entschließen, Bitcoins anstelle von Bargeld zu sammeln, wie bezahlen Sie Ihre Ausgaben? Sie werden wahrscheinlich eine Börse nutzen müssen, um gute alte Fiat-Währung im Austausch für Ihre Kryptowährungen zu erhalten. Und dies können Sie nicht anonym tun, da viele Börsen Know Your Customer (KYC)- und Anti-Geldwäsche (AML)-Verfahren bei der Registrierung von Benutzern verwenden. Hier werden Kriminelle, die Kryptowährungen nutzen, gefangen, da Strafverfolgungsbehörden diese Börsen überwachen. Daher wird Bargeld für Kriminelle vorläufig wohl die favorisierte Währung bleiben.

Bitcoin-Transaktionen sind langsam und teuer

Seit die SegWit Soft-Fork vor etwa 6 Monaten eingeführt wurde, stieg die theoretische maximale Anzahl an Transaktionen pro Sekunde von 5 bis 7 pro Sekunde auf fast 20 pro Sekunde bzw. 1,7 Millionen pro Tag. Diese Zahl ist natürlich weit davon entfernt, um mit den traditionellen Zahlungssystemen zu konkurrieren. Es war jedoch nie das Ziel der Bitcoin-Blockchain, jede einzelne Transaktion aufzuzeichnen. Viele der kleineren Transaktionen können außerhalb der Kette aufgezeichnet werden und genau das wird das kommende Lightning Network ermöglichen.

Das gesamte Bitcoin-Netzwerk wurde auf Anreize ausgerichtet. Gebühren sind erforderlich, um Spam-Angriffe auf das Netzwerk zu verhindern. Ohne Gebühren könnte jeder böswillige Angreifer einfach Millionen von kleinen Transaktionen machen, nur um die Blöcke zu füllen und das System lahmzulegen. Die Gebühren stellen sicher, dass die wichtigsten Transaktionen - für die hohe Gebühren bezahlt wurden - zuerst bearbeitet werden. Und selbst wenn es ein paar Blocks dauert, bis eine Transaktion validiert wird, ist das immer noch viel schneller als eine Überweisung, die bis zu 10 Tage dauern kann (bei internationalen Überweisungen).

Noch ein langer Weg

Die meisten Leute verstehen immer noch nicht richtig, was Bitcoin ist und wie er funktioniert. Und es wird noch Zeit brauchen, bis sie dahinterkommen. Als das Internet vor mehr als 20 Jahren Mainstream wurde, haben viele Leute nicht einmal den Sinn darin gesehen, eine E-Mail-Adresse zu haben, da sie niemanden kannten, der eine hatte. Bitcoin und Kryptos sind allgemein da. Die Bitcoin-Akzeptanz nimmt weiter zu - sogar inmitten eines Bärenmarkts, auf dem der Preis von 1 mBTC von 16 auf 5 Euro gefallen ist. Und nur darauf kommt es an. Bitcoin hat in den 9 Jahren seines Bestehens große Hochs und Tiefs gehabt, aber was Bitcoin von anderen Bubbles unterscheidet, ist, dass er sich immer wieder erholt. Und das, obwohl sein Preis viele Male gefallen ist.

Die Ansichten und Interpretationen in diesem Artikel sind die des Autors und stellen nicht zwangsläufig die Ansichten von Cointelegraph.com und der World Bank dar.

Vincent Launay ist Finanzfachmann bei der World Bank in Washington DC. Er hat einen MSc in Finance vom HEC in Paris und einen CFA-Charter.