Das neue Europäische Parlament wird die relativ wohlwollende Politik der Europäischen Union gegenüber der Kryptowährungsindustrie fortsetzen.
Letzte Woche haben 185 Millionen EU-Wähler aus 27 Mitgliedsstaaten ein neues Europäisches Parlament gewählt.
Die Politik in Europa hat sich dank eines stärkeren rechtsextremen Flügels, der Konsolidierung der Europäischen Volkspartei (EVP) und des Rückgangs bei der Grünen/Europäischen Freien Allianz (Grüne/EFA) verändert.
Die EU steht vor der schwierigen Aufgabe, eine komplexe politische Landschaft ins Gleichgewicht zu bringen, da souveräne Länder unterschiedliche Meinungen und Ansätze zu heiklen Themen wie der Verteilung von EU-Fördermitteln, der Migrations- und Asylpolitik, dem Klimawandel und der Energiewende oder der Bildung einer gemeinsamen Verteidigungsstrategie haben.
Trotz dieser Herausforderungen ist es Europa gelungen, einige der Bedürfnisse der Krypto- und Blockchain-Industrie zu berücksichtigen.
Wird das neue EU-Parlament eine Krypto-Regulierung befürworten? Die europäische Krypto-Community hat mit Cointelegraph gesprochen, um die Konsequenzen der Wahlen zu betrachten.
Neues Parlament gut für Kryptoindustrie
Die größte und einflussreichste Fraktion im Europäischen Parlament, die EVP, hat 189 Sitze im EU-Parlament.
Der deutsche Europaabgeordnete Markus Ferber von der EVP erklärte gegenüber Cointelegraph, er glaube, dass der Zuwachs von 13 Sitzen im Vergleich zu den letzten EU-Wahlen der Kryptoindustrie Stabilität verleihe, da die "EVP oft einen pragmatischeren und technologieneutralen Ansatz bei der Regulierung verfolgt".
Ferber erklärte, die Technologieneutralität der EVP beruhe auf ihrem risikobasierten Ansatz, der Anwendungsfälle und nicht nur die zugrunde liegende Technologie betrachtet.
Er sagte, es habe im EU-Parlament eine signifikante Verschiebung gegeben, die den Druck auf die Kryptoindustrie verringern könnte. Ferber stellte fest, dass die Mitte-Links-Parteien, die "am stärksten darauf bedacht waren, die Kryptowirtschaft auf jede erdenkliche Weise einzuschränken", viele Sitze verloren hätten.
Die Grünen/EFA EU haben 53 Sitze und damit 18 Plätze verloren.
Diese politische Fraktion stand 2022 hinter der Abstimmung über die Sperrung von Unhostet Wallets und versuchte sogar, Proof-of-Work (PoW)-Krypto-Mining in Europa zu verbieten.
Peter Moricz, Partnerschaftsleiter der Bitcoin -Lösung DLC.Link, sagte gegenüber Cointelegraph, dass die neue parlamentarische Balance eine Erleichterung für Krypto-Miner sei:
"Dadurch, dass die Grünen nicht viel Macht gewonnen haben, können die Krypto-Miner in der EU nachts besser schlafen."
Ebenfalls von Bedeutung ist der Anstieg der rechtsextremen Parteien, insbesondere in Deutschland und Frankreich, und damit zwei großen Wirtschaftsmächten.
Dieser Zuwachs für rechtsextreme Parteien war so erheblich, dass er den französischen Präsidenten Emmanuel Macron veranlasste, vorgezogene Neuwahlen auszurufen.

Michael Gebert, Vorsitzender der European Blockchain Association, sagte gegenüber Cointelegraph, dass diese Parteien nicht unbedingt die Kryptoindustrie unterstützen: "Während rechte Parteien oft wirtschaftliche Freiheit unterstützen, könnte ihre konservative Haltung zur Finanzregulierung zu strengeren Maßnahmen führen."
Gerber sagte, dass rechtsgerichtete Parteien strengere Identitätsprüfungen fordern und strengere Anti-Geldwäsche-Anforderungen stellen könnten. Sie könnten auch strengere Transaktionsmeldungen vorschrieben und die Compliance-Kosten durch Lizenzierung und regelmäßige Audits erhöhen.
Frankreich mit Marine Le Pen und Deutschland mit der Alternative für Deutschland (AfD) von Alice Weidel sind nicht für ihre Offenheit gegenüber Kryptowährungen bekannt. Beide sind jedoch eher gegen einen geplanten digitalen Euro.
Vorreiterrolle der EU bei Regulierung von Kryptowährungen auf dem Spiel
Obwohl allgemein die Auffassung vorherrscht, dass Europa im technologischen Wettbewerb mit den Vereinigten Staaten und China verliert, hat die Verabschiedung einer einheitlichen Krypto-Regulierung in allen EU-Ländern Europa zu einem vielversprechenden globalen Akteur in der Krypto-Industrie gemacht.
Henrique Corrêa da Silva, Präsident des Tech-Thinktanks New Economy Institute, sagte gegenüber Cointelegraph, er glaube, dass "Krypto eine der besten Gelegenheiten für Europa ist, um zu verhindern, dass ein weiterer Zug im globalen Tech-Rennen verloren geht."
Er fügte hinzu, dass Europa diesen Weg fortsetzen müsse, da die "USA und China den Anschluss verloren haben, zumindest vorerst".
Reinis Znotiņš, Geschäftsführer der lettischen Blockchain Association, sagte gegenüber Cointelegraph, "die Regulierung und die Entwicklung des Ökosystems in den USA hinken deutlich hinterher" und der Ansatz des letzten EU-Parlaments sei vielversprechend für die Kryptoindustrie.
Die Schaffung der Markets in Crypto-Assets (MiCA)-Verordnung hat Europa zu einem Vorreiter in der globalen Krypto-Regulierung gemacht.
Mark Foster, Leiter der EU-Politik des Crypto Council for Innovation, sagte gegenüber Cointelegraph, dass die MiCA-Verordnung Europa einen sogenannten First-Mover-Vorteil verschafft hat. Wenn sie angemessen gehandhabt wird, glaubt er, dass die einheitliche Krypto-Regulierung das Geschäft auf dem weltweit größten Binnenmarkt "fördern" könnte.
Er glaubt, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen den USA und China darin bestehe, dass "Krypto in Europa kein parteipolitisches Thema ist. Krypto ist kein spaltendes Rechts-Links-Thema" und erwartet daher "politische Kontinuität" nach den letzten Wahlergebnissen.
João Augusto, Chief Compliance Officer der spanischen Börse Bit2Me, sagte gegenüber Cointelegraph, dass der nächste kritische Meilenstein MiCA II sei, das Regulierungen für dezentralisierte Finanzen (DeFi), Non-fungible Tokens (NFTs) und dezentralisierte autonome Organisationen (DAOs) einschließen wird, die derzeit nicht abgedeckt sind.
Foster ist der Meinung, dass die EU eine sorgfältige "Kosten-Nutzen-Analyse durchführen sollte, bevor sie weitere Gesetze, z.B. zu Staking, DeFi oder NFTs, in Angriff nimmt, da viel auf dem Spiel steht.
Europas Krypto-Industrie braucht ausgewogene Regelungen
Regulierung ist ein lebender Organismus, der ständig aktualisiert werden muss, während sich die Kryptoindustrie entwickelt, und die zweite Version der MiCA-Verordnung ist bereits in Arbeit.
Sebastian Heine, Chief Risk and Compliance Officer beim institutionellen Staking-Partner Northstake, sagte gegenüber Cointelegraph, dass die nationalen Regulierungsbehörden (NRAs) fehlende Erwartungen für die "detaillierte Umsetzung von MiCA veröffentlichen müssen, damit sich Unternehmen früher vorbereiten und gezielter vorgehen können."
Er glaubt, dass der neue Fokus Europas darin liegen sollte, seine hohen regulatorischen Standards zu nutzen, um "den Raum der digitalen Vermögenswerte schneller mit TradFi zu verbinden."
Heine betonte, es sei eine ausgewogene Regulierung notwendig, da die hohen Regulierungsstandards der EU ein zweischneidiges Schwert für die Kryptoindustrie darstellen könnten.
Einerseits bietet es Investoren und Partnern ein "hohes Maß an Sicherheit für Unternehmen, die dieses Niveau an Compliance und Regulierung anstreben." Andererseits könnten kleinere Unternehmen "diese Vorschriften als Belastung empfinden."
Edwin Mata, CEO und Mitbegründer der Token-Suite Brickken, sagte gegenüber Cointelegraph, dass er glaubt, dass das Europäische Parlament Anreize für die Ausgabe von tokenisierten Vermögenswerten innerhalb der europäischen Region schaffen sollte.
Mata glaubt, dass der potenzielle Markt für Real World Asset (RWA) Tokenisierung enorm sei, da "Billionen von Euro auf dem Spiel stehen". Er glaubt, dass Europa von der RWA-Tokenisierung profitieren könnte, da "das Kapital, das Know-how und die Infrastruktur, die für diesen aufstrebenden Markt benötigt werden, in der EU angesiedelt werden könnten."
Ein gemeinsamer Nenner, der von den Akteuren der Kryptoindustrie gefordert wird, ist die Notwendigkeit von Bildungs- und Aufklärungsinitiativen, um die Regulierungsbehörden und die Öffentlichkeit über das Potenzial von Blockchain- und Kryptotechnologien zu informieren.
Mata ist der Meinung, dass die EU-Regulierung zu restriktiv werden könnte, wenn den EU-Gesetzgebern "ein tiefes Verständnis für das Potenzial der Technologie fehlt".
Europa ist in seinem Bestreben um die Führung im globalen Tech-Rennen ins Hintertreffen geraten. Eine angemessene Krypto-Regulierung könnte einer sich schnell entwickelnden Branche dabei helfen, auf dem Kontinent weiter aufzublühen.
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