Mike Butcher von TechCrunch: Die Branche muss ihr Haus in Ordnung bringen

Dieses Interview wurde bearbeitet und gekürzt.

Mike Butcher, Chefredakteur von TechCrunch, ist ein Pionier der Technik- und Journalismusbranche. Er hat auch begonnen, über die Kryptoindustrie und die Blockchain-Technologie zu schreiben, denn das werde, laut ihm, "ein neuer Weg in die Zukunft sein".

Er hörte im Jahr 2011 das erste Mal von Krypto und es war "Bitcoin, der den Raum interessant machte".

"Ich denke, Dezentralisierung ist sowas wie ein allgemeines Thema. Das ist wirklich faszinierend. Wir hatten Google, Apple, Facebook, Twitter, Amazon, die in den letzten 25 Jahren der Entwicklung des Internets effektiv zentralisierte Netzwerke aufgebaut haben und nun ist es so, dass wir nach den dezentralen Akteuren der Zukunft suchen. Ich meine, die Ideen sind faszinierend: zum Beispiel, können Sie ein dezentrales Uber erschaffen, was ein unglaublicher Schritt wäre. Und das wirklich Spannende daran ist, dass wir brandneue Akteure haben werden. Zwischen all diesen Projekten besteht eine stärkere Zusammenarbeit als in früheren Systemen, deshalb ist es so erstaunlich."

Catherine Ross: Ähnelt der Kryptobereich den Anfängen des Tech-Marktes wirklich so sehr? Es gab einige Vergleiche mit der "Dotcom"-Blase .

Mike Butcher: Ja, er ähnelt in vielerlei Hinsicht früheren Blasen sehr. Aber der Unterschied ist die Geldsumme, die in diesem Bereich umhergeht. Zuvor, etwa in den 90ern, musste man angemessen viel und echtes Geld sammeln, um im Internet-Bereich arbeiten zu können. Das war eine ganz andere Zeit. Aber nun ist das Geld effektiv in der Blase eingebaut. Und das ist ja genau das faszinierende und zugleich potenziell gefährliche daran für einige Leute, wenn man bedenkt, dass es einen starken Mangel an Erfahrenheit unter den Leuten gibt, die sich an diesem Bereich beteiligen wollen. Egal, ob das Investoren sind oder die Leute, die sich an den ICOs beteiligen wollen.

CR: Glauben Sie, dass die Kryptoindustrie dem Derivatemarkt ähnelt?

MB: Nun, da gibt es schon einige Parallelen.

CR: Und glauben Sie, dass Krypto das gleiche Schicksal ereilt?

MB: Nun, wenn uns mal ansehen, was im nächsten Jahr oder so geschehen wird: Kryptovermögenswerte werden vermutlich schließlich geregelt, wie andere Arten von Vermögenswerte - bis zu einem gewissen Grad - abhängig davon, was sie sind. Man hat einige große Akteure wie Goldman Sachs, die sich engagieren, indem sie ihren eigenen Kryptowährungs-Trading-Desk einrichten*. Das wird also ganz klar passieren, und es sind auch einige staatliche Fonds im Spiel. Ich denke, dass die Legitimität kommt. Sie ist an manchen Stellen noch nicht da. Aber es macht schon Sinn, wenn man darüber nachdenkt. Sogar Science-Fiction-Schriftsteller haben über die Idee gesprochen, globale Währungen zu haben, die keine Fiatwährungen sind. Wir haben bereits Kredit bei Star Trek und Star Wars zum Beispiel. Es scheint also, dass die Zeit gekommen ist.

Mike Butcher

Mike Butcher auf der BlockShow Berlin 2018

In seiner Rede auf der BlockShow in Berlin mit dem Titel "Desinformation kann Krypto töten" betonte Mike, wie wichtig es sei, "Vertrauen" gegenüber der Industrie zu schaffen, oder "die Öffentlichkeit wird zu zentralisierten Systemen zurückkehren".

CR: Sie sprachen von der Gefahr der Desinformation im Bereich und erwähnten, dass es sehr wichtig sei, Content-Plattformen zu schaffen, denen man vertrauen kann. Wie erreichen wir das?

MB: Nun, ich finde, dass traditionelle Medien so funktionieren, dass es eine Gewaltentrennung gibt: zwischen Journalisten, die Inhalte, Nachrichten und Werbungen schreiben und den kommerziellen Leuten. Und sie sprechen nicht miteinander, oder?

CR: Stimmt!

MB: Also, sie dürfen tatsächlich nicht miteinander sprechen. Und wenn sie das tun, ist das ein Interessenskonflikt. Die Leute, die auf der Website werben, gehen über die kommerziellen Leute durch Werbung, und sie sprechen mit den Kunden. Wenn man den Inhalt schreibt, sollte man nicht mit diesen Leuten reden. Man sollte wirklich darüber schreiben, was vor sich geht. Dann wird man von der Medien-Organisation bezahlt. So hat sich Journalismus über die letzten 200 Jahre oder so entwickelt. Und wenn sich die Medien an diese Regeln der Gewaltenteilung zwischen Werbung und Editorials halten, wenn Journalisten nicht dafür bezahlt werden, über die Unternehmen zu schreiben und wenn sie generell mit einem Gehalt dafür bezahlt werden, darüber zu schreiben, was die Neuigkeiten sind, dann ist das in Ordnung. Aber wenn sich das auch nur geringfügig ändert, wenn Journalisten dafür bezahlt werden, bestimmte Artikel zu schreiben, dass ist das gegen die Regel, das ist falsch.

CR: Das ist kein Journalismus.

MB: Das ist kein Journalismus! Und ja, also, lesen Sie nichts von solchen Leuten! Lesen Sie einfach nichts von denen. Mir wurde gezeigt, dass ihr euch an diese Regeln haltet. Und daher ist der Markt immer jeden Tag in Richtung Krypto unterwegs. Es ist eine echt verrückte Welt da draußen. Und es ist an den Journalisten, dafür zu sorgen, dass schlechte Akteure keine Werbung bekommen. Und, wie gesagt, es gibt auch Unabhängigkeit da draußen. Ein Teil des Problems ist natürlich auch, dass Journalisten nicht Teil des Medien-Bereichs mehr sind. Man hat all diese Telegram-Gruppen, man hat all diese WhatsApp-Gruppen, man hat Online-Boards oder was auch immer für Nachrichtendienste. Genau da entwickeln sich viele der Probleme. Aber ich glaube, dass der Punkt meiner Rede auf der Blockshow der war, dass wenn wir darauf nicht achten, dann werden der Dezentralisierung und der Blockchain-Technologie kein Vertrauen entgegengebracht. Sie würden niemals an die Massen kommen, da ihnen niemand vertraut. Deshalb ist es jedermanns Aufgabe in dieser Branche, die guten Medien zu fördern. Medien, die wirklich eine Gewaltenteilung haben zwischen Werbung und Editorials und die unabhängig sind. Es ist unserer Aufgabe, das zu tun, und schlechten Akteuren im Bereich keine Stimme zu geben.

CR: Also meinen Sie, man kann Medien und Blog-Artikel lesen, aber muss aufpassen, wenn man eine Investment-Entscheidung trifft.

MB: Absolut! Ich meine, das sollte man immer, oder? Immer vergleichen und abwägen, immer recherchieren. Selbst die erfahrensten Investoren heutzutage haben es schwer zu verstehen, was da vor sich geht. Und viele von ihnen sind extrem vorsichtig. Sie agieren tatsächlich sogar vorsichtiger, als der Durchschnittsmensch. Ich glaube, wenn es mehr Probleme gibt, dann werden Regulierungsbehörden mitmischen und starke Regulierungen einbringen. Und einige der innovativeren Aspekte von dem, was in den letzten Jahren passiert ist, könnten einfach eingestampft werden, könnten sich ändern. Es ist also an der Branche, ihr Haus in Ordnung zu bringen.

Mike Butcher

Mike Butcher auf der BlockShow Berlin 2018

CR: Sie haben offensichtlich viele Veranstaltungen besucht und viele Leute aus der Kryptoindustrie getroffen. Unterscheidet sich die Kryptoindustrie irgendwie von anderen?

MB: Das kommt darauf an. Ich meine, wenn man Blockchain-Projekte mal ansieht, erinnern sie mich an den frühen Internet-Bereich mit Entwicklern, die mit den faszinierenden neuen Ideen aufwarten. Und man hat diese Art von Leuten viel mehr in die Krypto-Industrie einbezogen. Wenn man den Bereich aus Währungssicht betrachtet, unterscheidet er sich irgendwie von den traditionellen Dienstleistungen. Das ist ein Start-Up-Bereich, der Unternehmer und der Risikokapitalgeber. Aber beide verschwimmen ineinander. Man denke nur 6 Monate oder ein Jahr zurück. Der ICO-Bereich ist ziemlich schnell aufgekommen.

CR: Das ist wahr.

MB: Jeden hat es unerwartet getroffen, dass er sich so schnell entwickelt hat. Jetzt kommen die privaten Verkäufe, private ICOs und es kommen traditionellere Investoren, die sich an den frühesten Phasen eines ICO und Privatverkaufs beteiligen. Und manchmal sogar wird ein öffentlicher ICO abgesagt. Oder der öffentliche Verkauf wird in eine andere Reihenfolge gebracht, eine Art 50/50 Beziehung mit öffentlichen Verkäufen später.

Wenn man etwas erschaffen will und ein Unternehmer werden will, dann sammelt man nicht nur Geld durch einen ICO, sondern man erschafft es einfach.

MB: Man nimmt einen weiteren Partner mit, der dabei hilft es zu erschaffen. Leute, die Netzwerke und Beziehungen haben, die Sie als Unternehmer nicht haben. Und es braucht professionelle Investoren, da sie die Kontakte haben und das Know-How. Sie haben die partnerschaftlichen Beziehungen und sie haben die Erfahrung, wie man das Unternehmen skaliert. Alle Mitarbeiter sind mit dem Start-Up-Bereich vertraut. Also verschwimmen diese Welten so langsam ineinander.

CR: Sie haben in letzter Zeit ziemlich viele Krypto-Veranstaltungen besucht. Wie kann man am besten von einem solchen profitieren?

MB: Das ist immer gleich, bei jeder Konferenz. Lernen Sie, wie man ein Netzwerk aufbaut und pflegt, wie Sie sich gut vorstellen. Ich meine, die beste Art diese Dinge zu tun, ist sich selber vorzustellen. Aber man sollte schon über Dinge reden, bei denen man sein Wissen zur Schau stellen kann. Sobald jemand mit dem Sie reden gleich beginnt, sich selbst zu bewerben, ist das ziemlich entmutigend. Ich denke, es ist wichtig, zuerst eine Unterhaltung zu führen. Zeigen Sie zuerst, was sie drauf haben.

CR: Ein guter Rat. Danke, Mike! Und danke, dass Sie bei uns waren!

MB: Es war mir ein Vergnügen!

*Am 24. Januar 2018 hat Lloyd Blankfein, der CEO von Goldman Sachs, gegenüber CNBC gesagt, dass das Unternehmen nicht plane, einen Kryptowährungs-Trading-Desk zu eröffnen.