Expert Take: Was gehört in ein ICO-Whitepaper?

In unseren Expert Takes äußern Meinungsführer innerhalb und außerhalb der Kryptoindustrie ihre Ansichten, teilen ihre Erfahrungen und geben professionelle Ratschläge. Unsere Expert Takes decken alle Bereiche der Krypto-Industrie ab. Von Blockchain-Technologie und ICO-Finanzierung bis hin zur Versteuerung, Regulierung und Akzeptanz von Kryptowährungen in verschiedenen Bereichen der Wirtschaft.

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a.mcqueen@cointelegraph.com

Die wachsende Beliebtheit von Initial Coin Offerings (ICOs) - und eine damit einhergehende Flut von Betrügereien und Marktvolatilität - hat eine längst überfällige Debatte in Washington, DC und international losgetreten. In diesen geht es um die passenden Richtlinien für ICOs und Kryptowährungen im Allgemeinen. Einige der am häufigsten gestellten Fragen beziehen sich auf die angemessene Aufteilung der Befugnisse zwischen der Handelskommission für Rohstoff-Futures (CFTC) und der Wertpapier- und Börsenkommission (SEC) und auf die Frage, ob sie mit ihren Befugnissen tief in das Herz des Kryptowährungs-Ökosystems eingreifen sollten, nämlich in den Spotmarkt. Dennoch überlegen andere, ob nicht vielleicht ein völlig neues oder alternatives regulatorisches Regime für Kryptowährungen und Token-Geldbeschaffungen benötigt wird. Nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und anderen Orten.

Dieser Artikel stützt sich auf das Kongress-Zeugnis zu Kryptowährungen, das den aktuellen Regulierungsansatz der Aufsichtsbehörden betrachtet. Dieser Ansatz umschließt die Überwachung von und Aufsicht über Kryptowährungen und ICOs und das Erreichen von besserer regulatorischer Transparenz in diesen Märkten.

Das Offenlegungssystem, das in den US-amerikanischen Wertpapiergesetzen verankert ist, dient weitgehend dem Zweck, dass Veranstalter beispielsweise wesentliche Informationen über ihr Unternehmen, ihr Management und ihre angebotenen Wertpapiere sowie ihre beabsichtigte Nutzung von Gewinnen öffentlich mitteilen. Diese Information wird dann bei der SEC eingereicht. Die meisten ICO-Offenlegungen werden im Gegensatz dazu durch derzeit nicht regulierte "Whitepaper" erleichtert. Diese konzentrieren sich zum größten Teil auf die bestehende Technologie oder auf Technologie in der Entwicklung oder Technologie, die mittels des Offerings erst finanziert werden muss. Daraus ergibt sich eine große Lücke zwischen den geforderten Angaben in einem S-1 (und wohl auch dem Formblatt 1-A) und dem, was in den meisten Whitepapers angegeben wird.

Käufer von ICO-Tokens - egal, ob es sich um Investoren handelt, die Gewinn erzielen möchten oder Technologienutzer, die ein innovatives Produkt unterstützen wollen - erwarten schon einige Angaben, um ein Produkt kaufen zu können, über das sie vollständig informiert sind. Diese Angaben, von denen Unternehmer einige selbst erkannt haben haben, sind besonders wichtig. Denn ICOs gehen von einem technischen Ökosystem für Experten zu einem Vertrieb von Instrumenten über, die immer häufiger alltägliche Investoren und Einzelhandelsleute anziehen.

Standort des Veranstalters

Mindestens eine glaubwürdige akademische Untersuchung stellt fest, dass man bei ungefähr 32 Prozent der ICOs die Herkunft des ausstellenden Unternehmens oder des Veranstalters nicht erkennen kann. Dies führt zu ernsthaften Informationslücken beim Investor. Ohne diese Informationen ist es unmöglich, zu wissen oder zu erkennen, welche Regelungen und gesetzlichen Schutzmaßnahmen den Investoren gewährt werden können. Darüber hinaus haben Investoren nur wenige Möglichkeiten, mit den zuständigen Behörden in Kontakt zu treten, falls es zu einem Betrug, Diebstahl oder Verlust kommt. ICO-Whitepapers sollten daher eine detaillierte Erklärung enthalten, wo sich der Ausgeber und seine Hauptverwaltung befinden. Am Besten sollte das mehr sein, als nur ein einfaches Postfach. Ohne eine nachprüfbare geografische Adresse sollten ICO-Whitepapers nicht für den Zweck der Geldbeschaffung zugelassen werden.

Problem und technologische Lösungsvorschläge

In der Geschichte des US-amerikanischen Wertpapiergesetzes waren in den meisten Fällen keine Informationen für Investoren wichtiger als die finanziellen Erklärungen des Ausgebers. Durch die Prüfung von Bilanzen, Cashflows und Gewinn- und Verlustrechnungen konnten Anleger die Leistungen eines Unternehmens in der Vergangenheit bewerten und auf Grundlage von Informationen Schätzungen über die künftige Leistung und Rentabilität des Unternehmens machen. Damit konnte auch der Wert der Wertpapiere eines Unternehmens eingeschätzt werden. Aufgrund der zentralisierten Natur der finanziellen Erklärungen in Wertpapierangeboten wurde ein gesamtes Ökosystem von externen Wirtschaftsprüfern, Buchhaltern und Ratingagenturen entwickelt, auf das sie sich verlassen können, um die Genauigkeit der finanziellen Erklärungen und deren Einhaltung der Best-Practices sicherzustellen.

ICOs haben meistens einen anderen Zweck als die meisten traditionellen Börsengänge (IPOs). Anstatt Industrieunternehmen zu finanzieren, die in einen reiferen Entwicklungszyklus übergehen, beziehen sich ICOs auf Produkte, die von Start-Ups entwickelt wurden, technologiebasierte Probleme erkennen und den Verkauf oder die Finanzierung von technologiebasierten "Lösungen" vorschlagen. Als Gegenleistung für die Finanzierung bieten die Veranstalter Coins mit unterschiedlichen Währungs-, Nutzungs- oder Wertpapiermerkmalen an.

Für die meisten dieser Offerings ist es nicht die Wertentwicklung eines Unternehmens in der Vergangenheit oder gar eine finanzielle Erklärung, durch die der Wert geschätzt wird, sondern eher die technologische Lösung des Unternehmens. Folglich ist es äußerst wichtig, sicherzustellen, dass Investoren (einschließlich Einzelhandelsleuten) die grundlegenden Umrisse der zugrundeliegenden Technologielösung verstehen. Denn ICOs werden ein immer beliebteres Mittel zur Kapitalbeschaffung.

Dazu müsste ein optimales Offenlegungssystem für ICOs eine "Klartext"-Beschreibung des Technologieproblems und dessen Lösung einfordern, die so detailliert wie möglich ausfallen sollte. Bei größeren Kapitalbeschaffungsprojekten sollte die eher technischen Teile des Whitepapers außerdem idealerweise einem System der Validierung durch Dritte (einem "Technologie-Audit") unterliegen. Dieses würde dann bestätigen, dass die im Whitepaper beschriebene Lösung technischen und mathematischen Prinzipien einwandfrei entspricht. ICO-Veranstalter könnten verpflichtet werden, anzugeben, ob eine Prüfung ihrer Lösung durch Dritte durchgeführt wurde (und wenn es keine solche Prüfung gab, würde dies ausdrücklich angegeben werden), was die wesentlichen Merkmale dieses Prüfungssystems waren und wie die Ergebnisse der Prüfung ausgefallen sind. In der Zwischenzeit würde der gesamte Code unabhängig vom Umfang der Kapitalbeschaffung in einer öffentlichen Code-Sammlung wie Github veröffentlicht werden, damit potenzielle Käufer den Code selbst oder andere Proxys ordentlich auf Stärke prüfen können.

Veranstalter sollten Übertreibungen vermeiden, wenn sie ihre Lösungen beschreiben, was in Whitepapers ein endemisches Problem ist. Sie sollten auch eine objektive Grundlage für alle zuversichtlichen Aussagen angeben müssen. In diesem Sinne sollten Angaben gemacht werden, ob den Besitzern von Wertpapieren nach dem ICO finanzielle Erklärungen zur Verfügung gestellt werden.

Beschreibung des Tokens

Token können eine Vielzahl von verschiedenen qualitativen und wirtschaftlichen Funktionen aufweisen. Sie können beispielsweise einen bestimmten Nutzen haben oder Wertpapiere und Währungen sein. Wenn die Token auf einem technologischen Format basieren, das bestimmte Regeln wie den ERC20-Standard erfüllen muss, sollten die Angaben verdeutlichen, was dies für einen typischen Coin-Besitzer bedeutet. Auch wenn besondere Anstrengungen unternommen werden, um einen Token aufzulisten, wie zum Beispiel die Auflistung eines Wertpapiertokens auf einem regulierten alternativen Handelssystem (ATS) oder wenn Handelsbeschränkungen für das Wertpapier bestehen, sollten diese Tatsachen auf eine Weise offengelegt werden, die für den Token-Besitzer klar verständlich sind. Token-Beschreibungen sollten auch angeben, was der Verwendungszweck der ausgegebenen Coins ist, wie viele es davon gibt, wann und ob die Gründer oder Berater Reserve-Coins halten werden und wie sie diese liquidieren könnten. Es sollte auch genannt werden, ob es Einschränkungen beim Verkauf geben könnte. Die Veranstalter sollten auch verpflichtet sein, das geistige Eigentum/Eigentum an dem Protokoll des Unternehmens offenzulegen (einschließlich der Elemente, die von anderen ausgeliehen wurden). Außerdem sollten Einzelheiten zu den genauen Rechten der Token-Besitzer angegeben werden.

Blockchain-Verwaltung

Investoren sollten darüber informiert werden, wie die unterstützende Infrastruktur funktioniert und wie sie sich auf die Verwaltung des Token auswirken wird. In diesem Sinne sollte auch der Konsensmechanismus für die Blockchain einer virtuellen Währung offengelegt werden. Auch ein Überblick darüber, wie Governance-Entscheidungen und andere Entscheidungen, die das Netzwerk beeinflussen, wie zum Beispiel Software-Upgrades, zwischen den verschiedenen Akteuren wie Entwicklern, Nutzern und Minern koordiniert werden .

Qualifikationen des technischen Teams

Informationen über die Erfahrung von Führungskräften und Direktoren sind eine übliche Pflichtangabe bei registrierten Offerings. Sie geben Investoren ein Gefühl für die Qualität des Managements und den wahrscheinlichen Erfolg des Unternehmens, sobald ein Unternehmen an die Börse geht. In ICOs, in denen Firmen eine begrenzte Hintergrundgeschichte haben und die betreffende Technologie vielleicht exotisch ist, können ähnliche Informationen über das technische Team des Offerings besonders wertvoll sein. Coder haben unterschiedliche Hintergründe, wobei einige mehr (oder viel weniger) qualifiziert oder erfahren sind als andere. Um Investoren ein Gefühl für die Expertise und Glaubwürdigkeit des Whitepapers zu vermitteln, sollten die Gründer verpflichtet werden, alle wesentlichen Informationen in Bezug auf wichtige technische Erfahrung, Fähigkeiten, Qualifikationen und andere relevante Attribute darzulegen. Gegebenenfalls sollten Entwickler auch Links zu ihren früheren Arbeiten an einer öffentlichen Code-Sammlung bereitstellen.

Risikofaktoren

ICOs sollten Angaben zu den wichtigsten Risikofaktoren enthalten, die Token-Besitzer betreffen. Obwohl die meisten Investoren wahrscheinlich wissen, dass selbst erfolgreiche Unternehmungen später durch effizientere Emporkömmlinge verdrängt werden könnten, kann ein Token-Beisitzer überrascht sein, wenn er merkt, dass das Produkt noch nicht wie beabsichtigt funktioniert oder gar einer neuen Verwendung oder einem neuen Zweck dient. Denn das hängt von der Entwicklung der Technologie oder, was vielleicht noch weniger vorhersehbar ist, den Wünsche der Teilnehmer im Ökosystem ab. Die Besitzer sollten auch die größeren sektoralen Risiken verstehen. Darunter fallen zum Beispiel Änderungen in der Branche, durch die einige Blockchains in eine Nischenrolle in dem Sektor gedrängt und viele Token wertlos daher wertlos werden könnten. Die Käufer müssen unbedingt in vollem Umfang auf ihre potenzielle Anfälligkeit für Hackangriffe, Datenverlust und Unterbrechungen sowie auf rechtliche Probleme wie Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes und der grenzüberschreitenden Datenportabilität aufmerksam gemacht werden.

Es gibt zweifellos weitere wichtige Angaben, die auf möglichst effektive und effiziente Weise einbezogen werden könnten und sollten. Aber hier geht es darum, den ICO-Markt in eine Richtung zu bringen, die auch für legitime Projekte und Investoren gut ist.

Die Ansichten und Interpretationen in diesem Artikel sind die des Autors und stellen nicht zwangsläufig die Ansichten von Cointelegraph dar.

Chris Brummer ist Professor für Rechtswissenschaften am Georgetown University Law Centre und Direktor des Instituts für Internationales Wirtschaftsrecht an dieser Einrichtung.
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