Erklärt: Was ist das Dezentralisierte Finanzwesen (DeFi)?

Connor Blenkinsop
24 OCT 2019
Erklärt: Was ist das Dezentralisierte Finanzwesen (DeFi)?

Cointelegraph

1.

Ich habe noch nie davon gehört. Was ist DeFi?

„Decentralized Finance“ (abgekürzt DeFi) bezeichnet dezentralisierte Finanzdienstleistungen, also im Prinzip Blockchain-Finanzdienstleistungen.

Sie kennen Bitcoin und Ether vermutlich bereits als Kryptowährungen, aber tatsächlich verbergen sich dahinter jeweils große, offene Blockchain-Netzwerke, die jedem erlauben, darauf eigene Apps zu entwickeln, die auch für Finanzdienstleistungen genutzt werden können .

Die Motivation dafür ist simpel. Momentan gibt es ungefähr 1,7 Mrd. Menschen, die keinen Zugang zum Finanzsystem haben. Obwohl das bestehende Finanzsystem die treibende Kraft hinter der Schaffung von Vermögen und Wohlstand ist, ist davon nur sehr wenig bei diesen abgehängten Menschen angekommen.

Die Dezentralisierung, die durch die Verlagerung auf eine Blockchain erreicht wird, ist dabei das wichtigste Charakteristikum, da sie ermöglicht, dass ein Netzwerk nicht von einem zentralen Anlaufpunkt abhängig ist. Da diese Blockchains öffentlich zugänglich sind, kann jeder auf diese zugreifen, unabhängig von Land oder Kontostand.

Auf dem Weg zum dezentralisierten Finanzsystem sind dezentralisierte Apps (DApps) von entscheidender Bedeutung. So braucht es lediglich ein Smartphone, um die dezentralisierten Finanzdienstleistungen nutzen zu können und das für einen Bruchteil der normalen Kosten.

2.

Was sind die Anwendungsbereiche für dezentralisiertes Finanzwesen?

Fürsprecher eines dezentralisierten Finanzsystems sind der Meinung, dass es die Leben von Menschen ohne Bankzugang maßgeblich verändern kann, während es für den Rest der Welt eine günstige Alternative sein kann.

Werfen wir zum Beispiel einen Blick auf den Markt für internationale Rücküberweisungen. Jedes Jahr überweisen Migranten mehrere Milliarden US-Dollar zurück in ihre Heimatländer. Die Gebühren, die dafür anfallen, sind übermäßig hoch, besonders im Verhältnis zu den oftmals geringen Gehältern von Gastarbeitern. Dezentralisierte Finanzdienstleistungen haben das Potenzial, die anfallenden Kosten um mehr als 50% zu reduzieren. Einerseits bleibt so mehr vom eigenen Gehalt übrig, was die Produktivität des jeweiligen Gastarbeiters umso mehr steigern könnte und andererseits fließt so auch anteilig mehr Geld in die wirtschaftlich schwachen Regionen, die von den Rückzahlungen profitieren.

Kreditvergabe ist ein anderes großes Thema, das durch dezentralisierte Finanzdienstleistungen optimiert werden kann. Für Personen, die keinen Zugang zu einer Bank haben, ist es nahezu unmöglich, einen Kredit aufzunehmen. DeFi-Plattformen können dafür sorgen, dass Kreditgeber und Kreditnehmer zusammengebracht werden, ohne dass es dafür aufwendige Bürokratie braucht.

Eine weitere Institution der dezentralisierten Finanz sind Stablecoins. Stablecoins sind Kryptowährungen, die durch die Anbindung an einen anderen Vermögenswert, wie zum Beispiel Landeswährungen oder Gold, ihre namensgebende (Wert-) Stabilität erhalten. Ein ähnliches Verfahren ist die sogenannte Tokenisierung, bei der ein Vermögenswert, wie zum Beispiel Immobilien oder Kunstgegenstände, in einen Krypto-Token verpackt werden und dadurch auf einer Blockchain handelbar werden. Dies hat sowohl für die Verkäufer als auch für die Käufer entscheidende Vorteile.

3.

Warum rückt das DeFi ausgerechnet jetzt in den Vordergrund?

Technologie wird immer zugänglicher, was gleichsam bedeutet, dass immer mehr Menschen auch auf die Werkzeuge Zugriff haben, die es braucht, um an einem dezentralisierten Finanzsystem teilnehmen zu können.

Stand Januar 2019 nutzen mehr als 57% der Weltbevölkerung in irgendeiner Form regelmäßig das Internet. Obwohl diese Zahl noch viel Luft nach oben hat, stellt sie einem bedeutenden Zuwachs im Vergleich zu 2013 dar, als diese Aussage nur auf 35% zutraf. Außerdem werden Smartphones immer günstiger, weshalb sie mittlerweile auch unter den armen Teilen der Weltbevölkerung weit verbreitet sind. Eine neue Studie der Weltbank zeigt, dass zwei Drittel aller Menschen ohne Bankzugang immerhin ein Smartphone besitzen, wodurch sie in der Lage wären, im dezentralisierten Finanzsystem mitzumachen.

Zur gleichen Zeit werden öffentliche Blockchains sukzessive weiterentwickelt, weshalb es ständig neue Apps für dezentralisierte Finanzdienstleistungen gibt. Ein Großteil davon befindet sich bereits auf der Blockchain von Ethereum.

4.

Welche Risiken birgt ein dezentralisiertes Finanzsystem?

Allerdings gibt es auch noch einige Herausforderungen für das dezentralisierte Finanzsystem.

Obwohl das DeFi eine geradezu transformative Wirkung auf das Leben von Millionen von Menschen haben könnte, kann nicht außer Acht gelassen werden, dass die Wahrnehmung der Öffentlichkeit bisher noch gering ist. Gelinde gesagt ist die Verbreitung von Krypto und Blockchain bisher noch ausbaufähig, so gibt es laut einer Studie des Cambridge Forschungszentrum für Alternatives Finanzwesen lediglich 25 Mio. verifizierte Krypto-Nutzer auf der ganzen Welt. Wenn wir dies mit den 1,7 Mrd. Menschen vergleichen, die momentan keinen Zugang zu Banken haben, dann wird klar, dass es für das DeFi noch viel Öffentlichkeitsarbeit brauchen wird.

Ein weiteres Sorgenkind ist die Skalierbarkeit von Blockchains. Selbst wenn DeFi-Apps bald von Milliarden von Menschen genutzt würden, haben die darunterliegenden Blockchains womöglich nicht die nötige Kapazität, um diesem Ansturm gerecht zu werden. Während der Zahlungsdienstleister Visa nach eigenen Angaben mehr als 24.000 Transaktionen pro Sekunde abwickelt, schafft Bitcoin es in einer Sekunde lediglich auf vergleichsweise mickrige sieben Transaktionen. Ethereum ist von ähnlichen Problemen geplagt, so gesteht mittlerweile sogar Mitgründer Vitalik Buterin ein, dass seine Blockchain schon „fast voll“ ist.

Die Volatilität der Kryptowährungen ist ein weiteres großes Problem und obwohl sich die Stablecoins anschicken, die entsprechende Lösung zu sein, gibt es noch viele offene rechtliche Fragen, die es im Voraus zu klären gilt. So hat Facebook dieses Jahr bereits seine ambitionierten Pläne für den firmeneigenen Stabelecoin namens Libra vorgestellt, allerdings sieht sich die Kryptowährung des Social-Media Konzerns schon jetzt heftigem Gegenwind seitens Politik, Aufsichtsbehörden und traditionellem Finanzwesen ausgesetzt. Während Politiker davor warnen, dass der Facebook Stablecoin womöglich die Geldpolitik unterwandern und das ganze Finanzsystem destabilisieren könnte, befürchtet das Bankenwesen, dass durch Libra ein Machtverlust droht, der sich ebenfalls negativ auf das Finanzsystem auswirken würde.

5.

Wie kann das DeFi weiter wachsen?

Die politischen und rechtlichen Bedenken auszuräumen, ist ein entscheidender Schritt, damit das dezentralisierte Finanzwesen aufblühen kann.

Damit man diese Bedenken jedoch adressieren kann, braucht es eine gemeinsame Stimme, allerdings ist das dezentralisierte Finanzsystem momentan noch sehr fragmentiert, da eine Vielzahl an Unternehmen parallel nebeneinander her arbeitet, anstatt miteinander. Obendrein haben die Regierungen der verschiedenen Nationen ganz unterschiedliche Einstellungen zum Thema Kryptowährungen und Blockchain. Einige Länder haben sogar ein regelrechtes Generalverbot für Kryptowährungen ausgesprochen, so zum Beispiel Indien, wo eine Strafe von bis zu 10 Jahren Gefängnis droht für Leute, die in den Krypto-Handel involviert sind.

Damit das dezentralisierte Finanzwesen zusammenwachsen kann, ist es wichtig, dass Kontakte geknüpft und Gespräche gesucht werden, damit gemeinsam an der Massentauglichkeit der Branche gearbeitet werden kann. Das traditionelle Finanzwesen weiß um die Wichtigkeit des „Networking“, weshalb sich die führenden Köpfe immer wieder auf großen Konferenzen wie dem Weltwirtschaftsforum in Davos treffen, um sich auszutauschen und Kooperationen zu schmieden. Es liegt auf der Hand, dass das Dezentralisierte Finanzwesen einen ähnlichen Ort der Zusammenkunft braucht.