Enttäuschung ist nicht immer etwas schlechtes. Sie kann ein Ansporn sein, der dazu motiviert, härter zu arbeiten, um Erwartungen zu erfüllen und Ziele zu erreichen. In diesem Sinne befragte Cointelegraph die Krypto-Community informell zu den unerfüllten Versprechen der Branche im vergangenen Jahr. Hier sind einige der größten Enttäuschungen des Jahres 2019:

Keine Akzeptanz?

Wo sind die riesigen Blockchain- oder Kryptoprojekte? Wo sind die Unternehmen, die die Fantasie beflügeln, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und Kryptoskeptiker zum Schweigen bringen? Nouriel Roubini hat letztes Jahr erklärt: "Blockchain hat immer noch nur einen einzigen Anwendungsbereich: Kryptowährungen." Viele in der Branche warten noch immer. Als Lanre Sarumi, der CEO der Krypto-Derivatebörse Level Trading Field, gegenüber Cointelegraph sagte:

"Die Tatsache, dass ein bahnbrechendes Projekt fehlt, das Skeptikern die Augen öffnen würde, ist höchst enttäuschend. Libra kam am nächsten und war sehr vielversprechend, aber im Jahr 2019 ist sonst nichts anderes wirklich passiert."

Auch aus der Forbes-Liste der Top-50-Finanztechnologieunternehmen ist kein rost zu entnehmen. Nur fünf Krypto- und Blockchain-Firmen schafften es in die "Fintech 50"-Liste für das Jahr 2019: Coinbase, Ripple, Bitfury, Gemini und Circle. Im Vergleich dazu waren es im Jahr 2018 noch 11.

Die Branche sucht noch immer nach der Anwendung schlechthin. "Menschen brauchen einen einfachen Anwendungsfall, der die Vorteile der Blockchain-Technologie klar und deutlich macht, wie E-Mails", so Chris Hart von Civic Technologies in einem kürzlich erschienenen Bericht der Marketing-Plattform Zage.

Nach wie vor nur wenige Institutionen

Wahnsinnig gute DApps, Skalierbarkeit und institutionelle Akzeptanz gelten oft als die drei fehlenden Zutaten, die nötig sind, damit Blockchain den Wendepunkt in der öffentlichen Akzeptanz erreicht. Im Jahr 2019 wurden unter anderem mit dem Eintritt von Fidelity und Bakkt von ICE einige Fortschritte in Bezug auf Institutionen erzielt. Aber ist das genug?

"Die Tatsache, dass kaum institutionelle Investoren angezogen wurden, war sicherlich eine Enttäuschung", so Sarumi gegenüber Cointelegraph. "Der Bakkt-Future-Kontrakt wurde speziell entwickelt, um sowohl institutionelle als auch private Kunden anzuziehen, und er kam nur mäßig gut an. Genauso ist es bei den kürzlich eingeführten Eris-Futures".

Nur langsame Akzeptanz durch Verbraucher

Viele Experten sind sich einig, dass die Benutzerfreundlichkeit verbessert werden muss, bevor die Öffentlichkeit Krypto- und Blockchain-Netzwerke verwendet. In der Umfrage von Zage unter 102 Blockchain-Technologie-Projektleitern gaben 41 Prozent der Befragten an, dass eine nahtlose Benutzererfahrung der Schlüssel zur Massenakzeptanz sei. Die Nutzung von Blockchain-DApps muss so einfach, wie die Nutzung von Web und Handys sein. "Um die meisten Blockchain- und Kryptowährungs-Produkte nutzen zu können, muss man eigentlich ein Experte sein", so Kory Hoang, der Mitbegründer und CEO der Stablecoin-Plattform Stably.

Stephen Pair, der CEO von Bitpay, hätte gerne schnellere Fortschritte bei der Verwendung von Kryptowährungen durch die Verbraucher im Jahr 2019 gesehen, "und mehr Verwendung, weil es nun einfacher ist, diese zu benutzen", wie er gegenüber Cointelegraph erklärte. Er sagte außerdem:

"Man muss etwa nicht direkt mit Bitcoin-Adressen hantieren. Wenn wir nur ein paar einfache Probleme wie dieses lösen könnten und idealerweise einen Industriestandard schaffen können, könnte das etwas ändern".

Auch Pair zeigte sich enttäuscht über die Produktpalette, die derzeit mit Krypto gekauft werden: "Ich wünsche mir eine gesündere Mischung aus alltäglichen Konsumgütern und Dienstleistungen, wie etwa die Möglichkeit, die Handyrechnung oder DirecTV mit Kryptowährung zu bezahlen".

Pair glaubt auch, dass die Leute dazu neigen, BTC auszugeben, wenn die Kurse hoch sind. Er fügte hinzu, dass sie dann oft teure Produkte, wie etwa Lamborghinis, kaufen. Daran ist nichts auszusetzen - aber er würde auch gerne sehen, dass mehr Alltagsgegenstände gekauft werden.

Defizite bei der Einhaltung von Vorschriften

Die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften ist in der Krypto/Blockchain-Welt immer noch ein wichtiges Thema.

Ende November meldete die Sicherheitsfirma CipherTrace, dass bei etwa 65 Prozent der Top-120-Kryptobörsen die Identitätsprüfungen nicht ausreichend stark durchgeführt würden.

Außerdem war die Einhaltung bei 24 Prozent der Börsen "schwach". Diese Börsen haben die Forscher von CipherTrace mindestens 0,25 BTC täglich abheben lassen und das praktisch ohne Fragen zu stellen. Die Forscher mussten nicht einmal ihre Identität nachweisen.

Henri Arslanian, der globale Krypto-Leiter für PwC in Hong Kong, sagte gegenüber Cointelegraph: "Wer im Jahr 2019 eine Kryptobörse eröffnet, ohne Vorschriften für Identitätsprüfungen oder Geldwäschebekämpfung einzuhalten, kümmert sich wahrscheinlich nicht um die Zukunft des Krypto-Ökosystems." Die Nichteinhaltung von Vorschriften, insbesondere im Bereich der Geldwäschebekämpfung, sei immer noch ein Hindernis auf dem Weg zur Massenakzeptanz von Kryptowährungen, wie Arslanian weiter ausführte:

"Ein großer Geldwäschebekämpfungs- oder Sanktionsverletzungsskandal könnte heute die Jahre harter Arbeit von der Community einfach auslöschen. Diese bemüht sich, zu zeigen, dass Krypto viel mehr ist, als nur die Silk Road oder das Darkweb."

Die Branche sollte sich nicht nur an die Vorschriften halten, sie sollte sie auch begrüßen. Zumindest sollte sie das, wenn sie wachsen will, wie Lone Fønss Schrøder, der CEO der Blockchain-Lösung Concordium, gegenüber Cointelegraph erklärte: "Ich bin sicher, dass große Unternehmen nicht über den Konzeptnachweis hinauskommen werden, wenn die Behörden diese nicht regulieren können." Unternehmen brauchen die Validierung, die mit einer Regulierung einhergeht.

Bildung für alle

Falsche Vorstellungen über Kryptowährungen und Blockchain-Technologie gibt es weiterhin. Als die Nordea Bank ihren 31.500 Mitarbeitern den Handel mit Bitcoin oder anderen Kryptowährungen - selbst in ihrer Freizeit - verbot, sagte sie, sie sei besorgt, dass ihre Mitarbeiter "sich unfreiwillig an Aktivitäten beteiligen könnten, die unethisch oder sogar illegal sind", so die Bank gegenüber Cointelegraph im Dezember.

In diesem Zusammenhang: Kein Bitcoin mehr für Mitarbeiter der Nordea Bank: Experten hinterfragen Motiv

"Die meisten Menschen assoziieren Blockchain immer noch mit volatilen Kryptowährungen und IPO-Betrügereien", so Schrøder. Er fügte hinzu: "Im Blockchain-Raum haben wir die gemeinsame Verantwortung, die Führungskräfte der Unternehmen aufzuklären. Nicht nur darüber, was Blockchain ist, sondern vor allem darüber, was die Technologie für Unternehmen und Institutionen tun kann".

Concordium gründete Ende Dezember 2019 das Blockchain Academy Network. Das ist eine Zusammenarbeit zwischen Concordium und der Wissenschaft zur Förderung der Verwendung von Blockchain in Unternehmen.

Die Branche muss besser auf den Teil der Öffentlichkeit zugehen, der keine Erfahrungen im Kryptoberech hat. Etwa durch Konferenzen, so Nick Saponaro, der Mitbegründer und Leiter der Informationsabteilung von The Divi Project, in einer E-Mail an Cointelegraph:

"Ich bin enttäuscht, dass es Aufklärern und in Konferenzen nicht gelingt, Neulinge anzuziehen. Stattdessen wird ein Echoraum geschaffen. Hohe Preise und luxuriöse Veranstaltungsorte halten die Menschen fern, die am meisten von dieser Technologie profitieren würden".

Weiterhin Kryptokriminalität

CipherTrace meldete einen beträchtlichen Rückgang der Kryptowährungskriminalität im dritten Quartal 2019. Das sei eine gute Nachricht "nach zwei Jahren großer, hochkarätiger Börsen-Hacks und Betrügereien". "2019 gab es immer noch eine massive Flut von Krypto-Kriminalität. Bis heute wurden dabei über 4,4 Mrd. US-Dollar gestohlen". Das ist auch ein großer Sprung im Vergleich zu 2018.

Die Sicherheitsfirma nannte mehrere große Betrügereien und Veruntreuung von Geldern im Jahr 2019: Plus Token mit 2,9 Mrd. US-Dollar, QuadrigaCX mit 192 Mio. US-Dollar und die Veruntreuung von 851 Mio. US-Dollar durch Bitfinex. PlusToken, ein Ponzi-Schema aus China, konnte sogar die Kryptomärkte beeinflussen, so Chainalysis am 16. Dezember. Es hieß außerdem:

"Wir glauben, dass die Kriminellen hinter dem Ponzi-System PlusToken den Bitcoin-Kurs nach unten treiben könnten, wenn sie ihr gestohlenes Geld über OTC-Broker liquidieren.

Tatsächlich hat Ether kurz nach dem Chainalysis-Bericht innerhalb von Minuten 10 Prozent verloren. Einige führten das auf einen Verkauf von PlusToken zurück. Der ETH-Kurs geriet dann am 19. Dezember unter noch stärkeren Verkaufsdruck, als mehrere große Transaktionen, die mit PlusToken in Verbindung gebracht wurden, die Händler verunsicherten, wie Cointelegraph berichtete. Die Branche braucht offensichtlich mehr Selbstregulierung. "Als Community müssen wir die faulen Äpfel besser ausmerzen", kommentierte Arslanian.

Integrität ist wichtig

Laut Saponaro war das Enttäuschendste für ihn im Jahr 2019 der Mangel an Integrität: "Betrügereien, Ponzi-Systeme, Pump-and-Dumps und Erpressungsmethoden sind immer noch überall im Raum präsent".

Der anhaltende Mangel an Integrität oder der Anschein einer solchen beschmutzt den Ruf der Krypto/Blockchain-Community, so Arslanian von PwC. "Wir sind immer so stark wie das schwächste Mitglied unserer Community."

Auch schlechte Geschäftsstrategien seien ein wichtiger Aspekt, so Felix Hartmann, ein geschäftsführender Gesellschafter von Hartmann Capital: "Wer bereit ist, langfristig am Ball zu bleiben, sowohl in Bezug auf die Schaffung eines durch die Community geleiteten, auf Integrität ausgerichteten Geschäfts-/Netzwerkmodells, als auch in Bezug auf Technologie und Benutzerfreundlichkeit, wird Erfolg haben".

Ein verlorenes Jahr?

Statt eine einzelne Enttäuschung im Jahr 2019 oder gar eine Reihe unerfüllter Versprechen zu nennen, hat Vinny Lingham, der Mitbegründer und CEO von Civic Inc, das Jahr als Ganzes betrachtet. Er sagte gegenüber Cointelegraph:

"Wenn die Krypto-Community auf 2019 zurückblickt, wird es als das verlorene Jahr in Erinnerung bleiben. Das ist keine Überraschung, da 2017 war ein solches Meilensteinjahr war. Ich sage gerne, je größer die Party, desto größer der Kater. Wir haben immer noch den Kater."

Auch Sarumi betrachtet das Jahr als eine Reihe von unausgeschöpften Möglichkeiten:

"Nach dem Krypto-Winter hat man im Allgemeinen gedacht, dass der Weggang der Mietsuchenden und der Anhänger von leichtem Geld den wahren Anhängern die Möglichkeiten geben, die Ärmel hochzukrämpeln und das wahre Potential von Blockchain/Krypto auszuchöpfen. Nun, die wahren Anhänger haben wohl sehr lange Arme und/oder sehr lange Ärmel, weil sie diese immer noch hochkrämpeln".

Es ist jedoch möglich, dass man die in diesem Jahr erzielten Fortschritte unterschätzt. Das ist wie ein Eisberg, wie eine Führungskraft aus der Branche gegenüber Cointelegraph sagte. Das größte Volumen liegt unter Wasser und ist nicht zu sehen. Aber sobald diese Blockchain-Netzwerkprojekte ein gewisses Ausmaß erreichen, werden diejenigen, die zuschauen, sehen, welch eine Macht geschaffen wurde und "in den nächsten drei bis fünf Jahren wird sie riesig sein".

"Vielleicht braucht es noch Zeit, aber das Grillenzirpen im Bereich der bahnbrechenden Projekte war für mich die größte Enttäuschung", so Sarumi abschließend. "Hoffentlich kommen im Jahr 2020 noch ein paar."