E-Mail-Scams, gepatchte Schlupflöcher und Hinterzimmer-Politik: der steinige Weg zum EOS-Launch

Dieser Artikel enthält keine Anlageberatungen oder Investmentempfehlungen. Jede Investition und jedes Geschäft birgt Risiken und Sie sollten eigene Nachforschungen anstellen, bevor Sie eine Entscheidung treffen.

Dezentralisiertes Regieren ist nicht einfach, wie wir inzwischen von den notorischen Bitcoin Gemeinschaftspatts lernen konnten. Aber die Erzählung über die zähe Stolperrute des EOS-Hauptnetzes bis zu seiner Liveschaltung verdeutlicht, wie schwierig es ist, die Dinge kollegial zu bewältigen, sogar in einem quasi-dezentralisierten System, in dem die Anzahl an Anteilseignern begrenzt ist.

Auch wenn die sehnsüchtig erwartete EOS-Blockchain an sich am 10. Juni freigeschaltet wurde, war sie weder operational und ihre Token waren auch für fast fünf Tage lang "eingefroren". Dabei waren es die festgefahrenen Versuche der Gemeinschaft, gemeinschaftlich zu bestimmen, die die Prozedur aufgehalten haben.

Zu Beginn musste die EOS-Gemeinschaft 21 Entitäten auswählen, die für die Operationen der Blockchain verantwortlich sind, was nicht reibungsfrei über die Bühne ging. Es dauert deutlich länger als erwartet, die für eine Entscheidung nötige 15-Prozent-Schwelle aus abgegebenen Wahl-Token zu erreichen, was vor allem die Investoren nervös machte, die insgesamt 3,45 Mrd. Euro in das Rekord-ICO von Block.one gesteckt hatten.

Delegierter Proof-of-Stake: ein nicht-so-dezentralisierter Mechanismus im EOS-System

EOS wurde von seinen Entwicklern als eine Plattform angepriesen, die für den Einsatz durch dezentrale autonomen Organisationen (DAOs) und Unternehmen (DACs) auf industrieller Ebene entworfen wurde. EOS Hauptverkaufsargument ist es, mehr Transaktionen pro Zeiteinheit als die Ethereum-Blockchain verarbeiten zu können, welche EOS ersetzen soll. Die technische Lösung hinter dieser ambitionierten Vision von erhöhter Geschwindigkeit und Skalierbarkeit ist der in den Entwurf von EOS eingebettete Konsensalgorithmus, der als delegierter Beteiligungsnachweis bzw. "Proof-of-Stake" (DPoS) bezeichnet wird.

Er basiert auf einem begrenzten Pool aus Blockproduzenten, die an der Validierung von Transaktionen arbeiten, was die Datendurchlaufmenge des Netzwerkes dramatisch erhöht - auf Kosten der Dezentralisierung, wie viele glauben. Einer der entschiedensten Kritiker von DPoS ist Ethereums Vitalik Buterin, welcher behauptete, dass jene Beteiligungsnachweis Dynamiken erzeugt, die dienlich für die Bildung von Kollusionen und Kartellen aus Anteilseignern der Token-Gemeinschaft sind. Der bekannte Blockchain-Forscher Emin Gün Sirer äußerte sich ebenfalls kritisch und suggerierte, dass "EOS nicht einmal versucht" ein dezentralisiertes System zu sein.

Das EOS-Hauptnetz basiert auf 21 Gruppen, die sich Blockproduzenten oder Supernodes nennen.Sie wurden bereits durch die Stimmen von Token-Haltern gewählt, wobei sich ihr Rang nach den jeweiligen Token-Positionen richtet. Das hört sich sofort nach einem Spiel an, in dem Wale über kleine Fische dominieren, richtig? Überlegen Sie weiter: Laut einem viel versendeten Reddit-Nutzerbericht lässt sich beinahe die Hälfte des EOS-Token-Angebots auf nur 10 Wallets zurückführen, während die Top 100 im EOS-Netzwerk zusammen auf 75 Prozent des Gesamtvermögens sitzen. Unter dem Vorbehalt allerdings, dass immerhin 10 Prozent für die Gründungsgesellschaft Block.one reserviert sind, die versprochen hat, diese nicht zum Wählen zu nutzen. Nichtsdestotrotz ist es wahrscheinlich, dass andere Giganten Hauptspeicher für die Börse sind. Es ist außerdem sicher eine gewonnene Wette, dass viele der übrigen Geldbeutel dem Wettbewerb beigetreten sind, um selber Blockproduzenten zu werden, da deren Vermögen sie in die einzigartige Position versetzt, sich selbst hinein wählen zu können. Warum war es also so schwierig, die 15-Prozent-Wahlbeteiligung zu erreichen?

Die Wale im Hinterzimmer: ein Durcheinander beim Wahlprozess.

Es gibt zwei gegenseitig nicht-exklusive Antworten auf diese Frage: Eine ist die Politik der großen Fische. Nach dieser Theorie hatten es die großen Wale nicht eilig, ihre übergewichtigen Wahlzettel direkt zu Beginn der Wahl einzuwerfen. Stattdessen warten sie lieber darauf, dass andere ihre Stimme abgeben und sich das Wasser klärt. Während sich die Wahlbeteiligung auf der Hauptvorderseite zähflüssig Prozent für Prozent anwuchs, fanden die wichtigen Gespräche in Hinterzimmern statt, wo Koalitionen geformt und Vereinbarungen zwischen jenen getroffen wurden, die eine reale Chance besitzen, einem Platz als Blockproduzent zu ergattern. Ein überzeugendes Argument für diese Theorie liegt in der Dynamik des Wahlvorgangs; während die ersten 9 Prozent der Wahlstimmen quälend langsam eintrafen, fand der Sprung von 9 auf 15 Prozent in weniger als einem Tag statt - ein deutliches Zeichen, dass ein ganzer Batzen Wähler gegen Ende auftrat und den Konsens besiegelte. Die verdeckten Kämpfe waren ebenfalls nicht fair: Hochstapler tauchten hier und da auf, und Anschuldigungen gegen andere Kandidaten wurden weiträumig verbreitet.

Ein anderer möglicher Grund für die fehlenden Stimmen in den ersten Tagen könnte sein, dass die Prozedur schlicht zu kompliziert und eventuell risikoreich für weniger erfahrene Investoren war. Um eine Wahlstimme abzugeben, mussten Token-Halter ihre privaten Schlüssel sowie die Software einer Drittpartei verwenden. Auch wenn das vermutlich legitimste Wahlwerkzeug - CLEOS von Block.one - auf standardmäßigen Befehlszeilen basiert, war es nicht immer einfach festzustellen, woher die Hilfen mit Nutzer-freundlicheren Schnittstellen stammen. Zusammen mit der Erkenntnis, dass die einzelne öffentliche Wahlstimme kein echtes Gewicht hat, könnte dies eine abschreckende Wirkung auf potentielle Laienwähler haben. Letztendlich sieht der Pool von 21 gewählten Blockproduzenten jetzt so aus, angeführt von EOS Cannon, Liquid EOS und EOS Beijing (bei Redaktionsschluss).

Der schwierige Wahlprozess war bei weitem nicht der einzige Stolperstein auf dem Weg zum EOS-Hauptnetz-Launch. Die Wochen vor der Veranstaltung waren von diversen Kontroversen gespickt. Am 31. Mai verschaffte sich jemand Zutritt zu den Zendesk-Account von Block.one und verschickte betrügerische Ankündigungen über Werbegeschenks aus "unverkauften Token". Diese recht authentisch wirkenden E-Mails halfen den Betrügern, Anleger um mehreren Millionen Dollar zu erleichtern.

Nur wenige Tage zuvor hatte ein chinesisches Cybersicherheitsunternehmen im EOS-System eine Reihe von massiven Schwachstellen entdeckt, die es Angreifern ermöglichen, die volle Kontrolle über eine beliebige Netzwerk-Node zu übernehmen. Auch wenn es eher nach einer PR-Maßnahme aussah, reagierte Block.one prompt mit der Einführung eines Bug-Bounty-Programms, wodurch noch mehr Software-Sicherheitsexperten enthusiastisch nach neuen Schwachstellen suchten. Der Cybersicherheitsexperte Guido Vranken erlangte Berühmtheit, indem er innerhalb von nur einer Woche 12 Sicherheitslücken im Wert von je 10.000 US-Dollar aufdecken konnte und meckernde Flüsterstimmen heraufbeschwor, dass ein knapp 3,5-Mrd-Euro-Unternehmen das besser können sollte.

Der chaotische Weg bis zum Launch

Darüber hinaus wurde ein erster Entwurf der EOS-Verfassung, der Anfang Juni veröffentlicht wurde, von einflussreichen Stimmen in der Krypto-Community als schlecht konzipiert begrüßt. Blockchain-Titan Nick Szabo war besonders harsch und nannte das Dokument "naiv entworfen". Er schlug vor, dass es das EOS-System "arbeitsintensiv, auf Genehmigungen basierend, juristisch voreingenommen" und "sozial schlecht skalierbar" machen würde. Und zu guter Letzt gelang dann das Protokoll der Telefonkonferenz vom 8. Juni, an der 200 EOS-Entwickler und potenzielle Blockproduzenten teilnahmen, an die Öffentlichkeit. Die Gemeinschaft war perplex angesichts der Durcheinanders, das in der Mitschrift erkennbar wird sowie angesichts einiger heißen Details, wie der Diskussion darüber, ob man mehr Token "drucken" sollte (mit "Ja" verabschiedet).

" Ich bin etwas beunruhigt, da diese Leute die Autorität haben, mehr Token zu drucken, ... Was ist das? -> [...] Ein Reservebanksystem ?"

So chaotisch der Weg zum EOS-Launch auch war, am 14. Juni war es endlich soweit und der Token-Preis erholte sich von den vergangenen Ausrutschern. Also, ist es endlich soweit, dass die Entwickler ihr Vitriol hinter sich lassen und ernsthaft an die Arbeit machen? Noch nicht ganz. Nur zwei Tage nach der Freischaltung befand sich das EOS-Hauptnetz "auf Eis" und stoppte effektiv die Verarbeitung von Transaktionen. Erst am nächsten Tag wurde der normale Betrieb wieder aufgenommen. Letztendlich hat die Anzahl an schlecht wirkenden Debakel, die den Beginn der Plattform begleiteten, dem Projekt ordentlich zugesetzt und verständlicherweise viele Meinungsführer kritischer und kritischer gegenüber der ganzen Firma werden lassen.

Die Blockchain-Welt war allerdings schon immer großzügig mit 2. Chancen. Einige Projekte wachsen mit zu viel Rummel und zu teuer, um zu versagen und erhalten sich einen massiven Vertrauensvorschuss, auch wenn die Ergebnisse bestenfalls moderat ausfallen. Diejenigen, die Anteile an EOS besitzen oder auf eine schnellere Alternative zu Ethereum warten, werden Block.one und seine Verbündeten weiterhin anfeuern, während Ethereums treue Anhänger mit einem Hauch Schadenfreude auf neue Fehler im EOS-System warten. Alle Blicke sind nun auf die Performance der EOS-basierten Anwendungen gerichtet und auf die Widerstandsfähigkeit des Netzwerken gegen Angriffe. Ob EOS überleben und sein Potenzial ausschöpfen kann, wird die Stimmung der Investoren beeinflussen und über die Zukunft des DPoS-Konsensalgorithmus entscheiden.