Letzte Woche erst waren weitere kontroverse Berichte über Overstock.com erschienen, die erste große Versandfirma, die Bitcoin 2014 als Zahlungsmethode akzeptiert hatte. Das Unternehmen entschied sich aufgrund der fallenden Aktienpreis dazu, die zuvor angekündigte Sekundäraktienveräußerung zurückzuziehen, während gleichzeitig der Geschäftsführer und Gründer Patrick Byrne zu Protokoll gab, dass er über einen Verkauf des Versandgiganten nachdenkt. Hinzu kommt, dass der leitende Vizepräsident für Finanzen und Risikomanagement Robert Hughes, von seiner Position bei Overstock zurücktritt, um einem Blockchain-Venture beizutreten, an dem auch Byrne beteiligt ist.
Byrne ist quasi seit dem ersten Tag ein Befürworter von Bitcoin und Blockchain und hoch angesehen in der Krypto-Community. Jetzt, wo der Pionier durch einige Turbulenzen geht, ist es wichtig, sich die intensive Beziehung zwischen Overstock und Bitcoin in Erinnerung zu rufen.
Overstocks Anfangstage und Byrnes Krieg gegen die Wall Street
Byrne gründete Overstock im Jahr 1977 und brachte es im Mai 1999 auf den Markt. Zunächst agierte das Unternehmen als Online-Marktplatz, der überschüssige Waren anbot, die er in Folge der Liquidationen vieler Dotcom-Unternehmen weit unter dem gängigen Handelspreis verschleudern konnte. Damals verkaufte Overstock.com Ausverkaufswaren wir Dekor, Möbel, Bettwäsche und andere Produkte - aber auch Neuwaren.
Im Grunde baute Byrne sein Geschäft auf der Hysterie der 90er der darauffolgenden Welle an Dotcom-Unternehmen, beziehungsweise deren Bankrott, auf. Sein Unternehmen verwandelte diese Domain in Lieferanten, indem sie anbot, ihr Inventar zu verkaufen.
Der Leiter von Overstock hielt sich in seiner Kritik gegenüber der Wall Street und dem etablierten Finanzbereich zurück. Byrnes Krieg mit den einflussreichsten Entitäten der USA läuft seit über 10 Jahren. Dies spiegelt sich in seinen Ansichten zu Macht an - als Anhänger der österreichischen Wirtschaftsschule ist er der Überzeugung, dass die Wirtschaft auf den Ansichten von Individuen und nicht von zentralen Autoritäten aufbauen sollte.
"Diese Institutionen, von denen uns erzählt wird, dass sie neutral sind und in sozialer Hinsicht neutral regieren... werden zu Werkzeugen, stark [genug] um das wir zu unterdrücken. Ich misstraue der Idee des zentralen Bankings."
Tatsächlich ist Byrne kein typischer Geschäftsmann: Er weigert sich nicht nur, sich den finanziellen Oberherrschaften zu unterwerfen, er ist auch ein dreifacher Krebs-Besieger mit einem Doktortitel in Philosophie, der Bond-Bösewicht-artige Jacken ohne Kragen und seidene chinesische Shirts trägt.
Im Jahr 2002 brachte Byrne mit einer sogenannten holländischen Auktion, die auch als Rückwärtsauktion bezeichnet wird, an die Börse. Die Methode erlaubt es, Gelder direkt von der Öffentlichkeit zu erhalten, statt einen traditionellen Börsengang (IPO) abzuhalten, an welchem die Banken der Wall Street im Prozess profitieren würden. Auf diese Art entkam das Unternehmen der Aufsicht der Wall Street, während trotzdem öffentlich Kapital generiert wurde.
2005 begann Byrne mit seiner Kampagne gegen illegale Leerverkäufe - bei denen die verkauften Vermögenswerte sich nicht tatsächlich im Besitz des Verkäufers befinden und dieser bewusst versagt, die Anlagen innerhalb der standardmäßigen drei Tage abzuliefern und dem Käufer stattdessen geliehene Basiswerte anbietet. Er argumentiert, dass diese Art des Verkaufes von den großen finanziellen Spielern als Werkzeug missbraucht wird, um die Aktienpreise von Unternehmen künstlich niedrig zu halten. In 2007 führte er seinen Kreuzzug gegen die Wall Street weiter, indem er eine rund 2,8 Mrd. Klage gegen 12 Broker-Firmen, darunter Morgan Stanley, Goldman Sachs and Merrill Lynch, einreichte. Zu Beginn porträtierte ihn die Presse nur als einen Verschwörungstheoretiker, aber im Zuge der Finanzkrise 2008 wurden er und Leerverkäufe ernster genommen.
Zu dem Zeitpunkt hatten sich alle Angeklagten mit Overstock außergerichtlich geeinigt: Die Merrill Lynch Professional Clearing Corp. beispielsweise beendete den Streitfall als letzte stehende Instanz in der Marktmanipulation-Klage von Byrne 2016, indem sie sich mit dem Versandhändler auf eine Zahlung von rund 16 Mio. Euro einigte.
"Patrick, ich muss dir sagen, dass du der am meisten gehasste Mann bist, den ich kenne. Du warst einmal so etwas wie der Goldjunge der Wall Street, aber jetzt könntest du zum Mörder werden und wir würden dich nicht in dem Ausmaß hassen, wie wir es in dieser Stadt zurzeit tun", zitiert Byrne einen "hochangesehenen Hedgefonds-Manager in New York", bevor er mit seiner Vorlesung anlässlich der Bitcoin-Konferenz 2014 beginnt. Er lächelt, wenn er an dieses Treffen denkt und sagt, er betrachte die Worte als "hohes Kompliment".
2009 fuhr Overstock erstmals einem Jahresprofit von damals rund 6,2 Mio. Euro ein. Mit Ausnahme des Jahres 2011, als das Unternehmen seine Kunden mit einer unschönen Neuerfindungskampagne verwirrte, hält sich das Unternehmen seitdem beständig in den schwarzen Zahlen.
Overstocks Beziehung mit Bitcoin
2014 war Overstock die erste große Logistikfirma, die Bitcoin aufgrund der neuen Bekanntschaft mit Coinbase akzeptierte. In einem Interview mit Business Insider erinnert sich Byrne:
"Wir waren die ersten. Die damals größte Firma, die Bitcoin akzeptierte, war ein Diner im Westen von Australien mit einem Jahresumsatz von 650.000 Euro. Wir gingen einen Schritt voraus und nahem es [BTC] an - wir lagen damals bei 1,13 Mrd. Euro. Von daher glaube ich, dass wir der Community rund 5 Jahre des Adaptionszyklus gespart haben.
Die Transformation war teilweise zufällig: Im Dezember 2013 sagte Byrne gegenüber einem Journalisten beiläufig, dass sie eventuell damit anfangen werden, Bitcoin zu akzeptieren. "Ich habe das ohne Nachzudenken gesagt", gibt Byrne zu. Ihm war vor dem Gespräch wichtig - damals im November 2013 - dass "die Nachrichten [Bitcoin] nicht ans rote Kreuz nageln." Kurz nach dem Interview begann er damit, diverse Nachrichtendienste weltweit zu kontaktieren und ihnen von Overstocks potenziellem Schritt zu erzählen. Im Zuge dessen kam es über ihn, Coinbase beiläufig zu kontaktieren und innerhalb weniger Wochen führte Overstock.com dann die Bitcoin-Zahlungsoption ein.
Byrne, eine "Plage der Wallstreet" und ein selbst-erklärter österreichischer Wirtschaftler durch "Erziehung und Leidenschaft" erwärmte sich für die Idee einer dezentralisierten Währung. "Als ich das erste Mal von Bitcoin hörte, erinnerte es mich an mein Empfinden gegenüber Gold", erinnert er sich. Der exzentrische Geschäftsmann ging sogar so weit, Bitcoin als einzige Rettung vor der nahenden "Zombie-Apokalypse" zu bezeichnen und seinen Interviewpartnern Trump-artige rote Münzen mit "Make Bitcoin Great Again " zu geben.
Die anfängliche Auszahlung nach der Annahme der Kryptowährung schienen sich zu lohnen. "Die Implementation rentiert sich selbst um das Hundertfache, allein durch die Presse", behauptet Byrnes. Auch die Krypto-Gesellschaft empfing die Transformation mit offenen Armen.
"Bitcoin-Nutzer besuchten unsere Seite und kauften ein paar Kissen oder ein Bett nur deshalb, um ihre Unterstützung zu seine. So haben wir einige Hunderttausende Produkte verkauft, nur zwei Tage, nachdem wir live gegangen waren."
Aufgrund seiner Politik und den direkten, mutigen Prognosen, ist Byrne schnell zu einem wichtigen Spieler der Krypto-Gesellschaft aufgestiegen. Overstocks Aktien haben sich deutlich in Richtung des BTC-Preises bewegt, seitdem Byrne ein Teil der Krypto-Welt geworden ist. Overstocks Aktienkurs stieg um das Vierfache zwischen Juli und Dezember 2017, während Bitcoin im gleichen Zeitraum um den Faktor 7 wuchs und das Jahr mit einem Durchschnittsgewinn von rund 200 Prozent abschloss.
Aufgrund der Firmenperformance wurden Gerüchte laut, dass auch der Hauptkonkurrent und Internethandelsgigant Amazon anfangen könnten, Bitcoin zu akzeptieren. Auch der nigerianische Geschäftsmann Emmanuel Olorunisola fühlte sich wohl vom Overstocks Erfolg inspirierte und brachte einen ähnlichen Service in seinem Land auf den Markt. "Ich bin über Overstock gestolpert und habe gesehen, wie eine Armbanduhr für 28 Dollar verkauft wird, da wurde ich aufgeregt und habe mich entschieden, eine Bestellung aufzugeben", erinnert er sich. Seine Seite ging sogar so weit, ausschließlich Kryptowährungen zu akzeptieren.
Doch die Abhängigkeit von Bitcoin funktioniert in beide Richtung: Als Bitcoin im Januar 2018 50 Prozent seines Wertes innerhalb von nur einem Monat verlor, fiel die Firmenbewertung von Overstock um 11 Prozent auf einen Wert von knapp 1,45 Mrd. Euro aufgrund des Verlustes von über 160 Mio. Euro in Aktienwerten.
Im August 2017 kündigte Overstock an, dass es an der Hälfte der Bitcoin-Zahlungen als Investment festhalten würde. Zuvor hatte die Firma zu diesem Zweck lediglich 5 bis 10 Prozent gehalten. In einem Telefonkonferenz anlässlich der Bilanzierung des Unternehmens merkte Byrne an, dass die Firma zu diesem Zeitpunkt rund 40.500 Euro pro Woche in BTC erhielt.
"Jetzt transferieren wir nur 50 Prozent und behalten den Rest in Bitcoin. Und dann, in regelmäßigen Abständen, setzen wir es - wir haben Bitcoin eingelöst und um 4 Mio. Euro verdient - irgendwo um den Dreh.", so der CEO gegenüber Business Insider. Die neue Firmenpolitik besagt, dass die Hälfte der Einnahmen auf dem Onlinestore, die in Bitcoin getätigt werden, gehalten werden, während Overstock die andere Hälfte in Dollar wechseln.
Auch wenn Byrne zugibt, dass nur ein Fünftel von einem Prozent aller Verkäufe bei Overstock in Bitcoin getätigt werden, hätte er nie erwartet, dass der Anteil irgendwann so signifikant sein würde. Tatsächlich hatte er sein Technologie-Team kaum auf Kryptowährungen ausgerichtet.
Im Februar begann Byrne, die relativ unbekannte Kryptowährung Ravencoin an die Spitze zu heben. Als Business Insider ihn fragte, ob er an "allen Kryptowährungen" Interesse habe bzw. "richtig interessiert an Blockchain" sei, gab Byrne überraschend als Antwort, er sei "nicht wirklich interessiert an Kryptowährungen per se". Er enthüllte allerdings ein unbekannten Blockchain-Projekt, in welches seine Firma "Millionen von Dollar" investiert hatte und das eine Form des Mining ermöglicht, für die man "keine Mining-Farmen in China" braucht.
Ravencoin trat dem Markt am 3. Januar 2018 sehr unauffällig bei, mit einem überschaubaren 4-seitigen Whitepaper und wurde am 14. Januar das allererste Mal auf Bitcointalk.org erwähnt. In dem Beitrag wird über die Markteinführung geschrieben, dass sie von "sehr wenig Information über die Zukunft des Projektes" begleitet wurde, aber dass "seitdem diverse Community-Mitglieder gelernt haben, dass ein aktives Entwicklerteam hinter dem Coin steht." Laut Bruce Fenton, einem Vorstandsmitglied bei Medici Ventures (einer komplett von Overstock.com gehaltenen Tochterfirma), sei Byrne an Ravencoin interessiert, seitdem er selbst dem Overstock-Geschäftsführer von "bei einem Essen in Boston" erzählt hatte.
Blockchain über Bitcoin (und Profite)
Byrne weicht dem Label "Bitcoin-Messias" aus, unter dem Wired 2014 ein Profil für ihn erstellt hatte. Für den Geschäftsführer ist Blockchain wichtiger als die Währung dahinter. "Blockchain ist eine Maschine, die Vertrauen schafft", sagt er, während er erklärt, warum es so schwierig ist, die Technologie in den Mainstream zu etablieren. Zu genau diesem Zweck hat Byrne die VC-Firma innerhalb Overstock namens Medici Ventures gegründet, die das Firmengeld für Investitionen in Blockchain-Startups nutzen soll.
Die bekannteste Krypto-Tochterfirma von Overstock ist tZero. Im Grunde ist ihr Ziel, Broker zu eliminieren und mit traditionellen Aktienbörsen zu konkurrieren - genau wie Byrne es sich schon immer ausgemalt hat.
"Wenn Sie eine Aktien-Broker-Konto besitzen und Ihren Aktienmanager anrufen, bezahlen sie 15 Dollar, nur damit der Handel stattfindet. Diese 15 Dollar stopfen viele Mäuler indem sie sinnlos versickern. Das Verschwinden im Sanitätssystem der Banken kann durch die Einführung eines sehr viel einfacheren Systems verhindert werden, das robust ist und 80 oder 90 Prozent billiger. Und vor allem können die ganzen Untaten, die an der Wall Street ablaufen, hier nicht passieren".
Im Letzten Herbst sprangen Overstocks Aktien sprunghaft an, nachdem angekündigt wurde, dass das Unternehmen eine alternative Plattform für den Handel mit ICO-Tokens plant, die auf einer Dreieckspartnerschaft zwischen den Tochterfirmen tZero, Argon und RenGen aufbaut. Der Aktienkurs des Einzelhandelsgiganten kletterte mit 24,18 Euro auf seinen höchsten Wert seit 2014 an und führte den Trend kontinuierlich steigender Dividenden fort. Die Plattform ist so aufgebaut, dass sie die maximale Konformität mit den regulatorischen Rahmenwerken der USA garantiert - ein wichtiger Punkt für Byrne, der positiv über die Bemühungen der als US-Börsenaufsicht fungierenden Kommission für den Wertpapierhandel (SEC) äußerte, die Industrie zu regulieren.
"Ich bin tatsächlich dafür, dass die SEC härter durchgreift. Die ICO-Begeisterung in diesem Jahr hat dazu geführt, dass viele Leute geschröpft wurden. Es gibt eine Menge Leute, die Coins ohne Geschäftsmodel auf den Markt bringen."
Ironischerweise begann die SEC im Zuge ihrer Krypto-Untersuchung auch damit, sie tZero genauer anzusehen, woraufhin der Aktienkurs der Firma um etwa 10 Prozent einbrach.
Byrnes aktuellstes Projekt ist eine Kollaboration zwischen der Overstock-Tochtergesellschaft Medici Ventures und Hernando de Soto, einem bekannten, peruanischen Wirtschaftler. Ende 2017 hatten sie sich zusammengeschlossen um ein neues Registerunternehmen mit dem Namen DeSoto zu gründen, das Blockchain-Technologien zur Übertragung von Rechten und zum Schutz von geistigem Eigentum nutzen soll, indem Fälschungen über Eigentumsrechte erschwert werden.
DeSoto will noch Anfang 2018 ein Pilotensystem auf den Markt bringen. Gegenüber der Financial Times sagte Byrnes, er habe "eine große moralische Verpflichtung", sein Leben auf diesen Bereich auszurichten. Das schließt den partiellen oder vollständigen Verkauf von Overstock ein, da das neue Unternehmen dieses Geld gebrauchen könnte.
"Eine der Möglichkeiten ist der Verkauf des Geschäftes und wir hätten das Kapital, das wir benötigen", sagt Byrne.
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