Blockchain und Wahlen: Die Erfahrungen aus Japan, Schweiz und USA

Freie und gerechte Wahlen sind eine der Säulen gesunder Demokratien. Von den Vereinigten Staaten bis Sierra Leone glauben Befürworter der Blockchain, dass die Technologie ein neues Maß an Transparenz, Fairness und Effizienz in den Wahlprozess bringen kann. Trotz der Begeisterung der Blockchain-Community - und der zaghaften Unterstützung durch die Politik - haben Versuche, die Technologie zu implementieren, einen gemischten Erfolg gehabt und heftige Kritik geerntet.

Japans wissenschaftliches Zentrum testet Blockchain

Ende August testete die japanische Stadt Tsukuba den Einsatz der Blockchain-Technologie in ihrem Wahlsystem. Tsukuba ist eine Stadt, die bereits eng mit der wissenschaftlichen Forschung verbunden ist, und der jüngste Blockchain-Test ist der aktuellste Schritt der Stadt, um neue Arten der Innovation zu erforschen.

Die Wähler konnten mittels ihrer My Number Card teilnehmen — eine 12-stellige ID-Nummer, die an alle Bürger Japans ausgegeben wird und im Jahr 2015 eingeführt wurde.

In einer Pressemitteilung, die auf der offiziellen Webseite der Stadt veröffentlicht wurde, hieß es, dass die Wähler Stimmen für die Umsetzung verschiedener Sozialprogramme abgeben konnten. Die Teilnehmer konnten wählen, welche der 13 Initiativen ihrer Meinung nach am meisten eine finanzielle Unterstützung wert ist. Diese reichten von der Entwicklung von Geräten zur Verbesserung von Krebsdiagnosen bis hin zu einem Programm zur Soundnavigation in Städten und neuen Geräten für Outdoor-Aktivitäten.

Laut Cointelegraph hieß es, dass der Test durchgeführt wurde, um festzustellen, ob sich die demokratischen und transparenten Eigenschaften der Blockchain gut für die Reduzierung von Betrug und Wahlverfälschung im Wahlprozess eignen würden.

Obwohl er zunächst skeptisch gegenüber dem Potenzial der Blockchain gewesen sei, sagte Tsukubas Bürgermeister Tatsuo Ugarashi:

"Ich dachte, Blockchain würde kompliziertere Verfahren beinhalten, aber ich merkte, dass das minimal und einfach ist."

Obwohl Japans jüngster Blockchain-Test reibungslos verlaufen zu sein scheint, haben nicht alle staatlichen Bemühungen, das Potenzial der Technologie zu nutzen, die gleiche Resonanz gefunden.

Sierra Leone: Die Blockchain-Wahl, die keine war

Am 7. März 2018 wurde berichtet, dass Sierra Leone das erste Land sei, das Blockchain-Technologie im Wahlprozess einsetzte.

Agora Technologies, ein Schweizer Unternehmen, veröffentlichte eine Reihe von Tweets, in denen es erklärte, dass es Sierra Leones erste Blockchain-basierte Wahlen überwacht habe:

Die Realität sah etwas anders aus. Tatsächlich hatte Agora den Wahlprozess beobachtet und neben der Wahl einen völlig separaten Blockchain-Test durchgeführt, um zu veranschaulichen, wie zukünftige Wahlen mittels der Technologie durchgeführt werden könnten.

Die Nationale Wahlkommission von Sierra Leone (NEC) trat in Aktion und veröffentlichte eine eigene Erklärung per Twitter, in der sie bestreitet, dass während der Wahl Blockchain-Technologie eingesetzt wurde:

Der CEO von Agora, Leo Gammar, war gezwungen, die scheinbar irreführenden Aussagen von Agora richtig zu stellen. Die Tatsache, dass es der Gruppe gestattet wurde, neben der Wahl ein eigenes Blockchain-Systemzu testen, zeigt, dass die Regierungsbehörden trotz des Medienrummels neuen Wegen gegenüber offen sind, um den Wahlprozess effizienter zu gestalten - und Blockchain ist einer davon.

Trotz der scheinbar rosigen Beziehungen zur NEC von Sierra Leone waren die Reaktionen auf das Engagement des Unternehmens bei den Wahlen gemischt. Morris Marah, Gründer von Sensi Tech Hub aus Freetown, äußerte seine Bedenken gegenüber RFI:

"Was diese Leute [Agora] sagen, ist großartig. Aber sie haben das nicht wirklich getestet, weil sie eigentlich nur eine Papierkarte der Ergebnisse genommen haben und sie in ihr System eingetragen haben. Das machen alle anderen auch, das ist nichts Neues."

Schweizer "Crypto Valley" testet Blockchain-Wahl

In den letzten Jahren ist die Schweizer Stadt Zug weniger wegen ihrer Bergaussicht und originellen Schweizer Architektur berühmt geworden, sondern vielmehr wegen ihrer niedrigen Steuersätze und Kryptowährungen. Der jüngste Zufluss von Krypto-Gruppen, die ihre Hauptsitze im zentralen Kanton errichten, hat der Stadt den Spitznamen "Crypto Valley" eingebracht.

In der Absicht, sich als Blockchain-Hauptstadt zu etablieren, gestattet die Gemeinde Zahlungen in Bitcoin für Dienstleistungen und hat kürzlich einen erfolgreichen Test für eine Blockchain-Wahl durchgeführt.

An der kleinen Abstimmung waren nur 72 der 240 Bürger mit Zugang zum Online-Voting-System beteiligt, die zwischen dem 25. Juni und dem 1. Juli an der unverbindlichen Probeabstimmung teilnahmen. Der Testfragebogen forderte die Bürger auf, sowohl über kleinere kommunale Angelegenheiten abzustimmen als auch darüber, ob sie finden, dass ein Blockchain-basiertes eID-System für Referendum-Abstimmungen in Zukunft verwendet werden sollte. Die Schweizer Nachrichtenagentur schreibt, dass drei Personen angaben, dass es nicht einfach sei, digital abzustimmen, 22 antworteten, dass sie die Blockchain für Steuererklärungen oder Umfragen nutzen würden, 19 antworteten, dass sie Parkgebühren mit ihrem digitalen Ausweis zahlen würden, und drei sagten, sie würden ihn für das Ausleihen von Bibliotheksbüchern verwenden. Der Zuger Kommunikationsleiter Dieter Miller bezeichnete die Premiere als Erfolg.

West Virginia testet Blockchain-Wahl, aber die Heiterkeit wird überschattet

West Virginia bereitet sich darauf vor, Bürgern, die in der Armee dienen, sowie anderen im Ausland lebenden Bürgern ab November 2018 zu gestatten, per Smartphone mittels einer App namens Voatz zu wählen. Das wird das erste Mal sein, dass man über ein Smartphone an einer Bundeswahl teilnehmen kann.

Regierungsmitarbeiter von West Virginia posteten eine PDF-Datei, die den Prozess beschreibt:

"Alles, was sie benötigen, um ihre Stimme abzugeben, ist ein kompatibles Apple- oder Android-Mobilgerät und eine genehmigte und validierte Staats- oder Bundes-ID."

Die Idee für die App kam erstmals bei einem Hacking-Gipfel auf, der vom South by Southwest Technology Festival in Texas veranstaltet wurde.

West Virginias Außenminister Mac Warner war beeindruckt von dem biometrischen Authentifizierungssystem der App und den Elementen der Blockchain-basierten Sicherheit. Sowohl Warner als auch das in Boston ansässige Start-up, das Voatz gegründet hat, behaupten, dass das System sicher sei.

Der Staat führte im Mai erfolgreich ein Pilotprojekt durch.

Die jüngste aufsehenerregende Geschehnis im Zusammenhang mit Blockchain-Technologie in Wahlverfahren trug sich vor dem Hintergrund eines Skandals in der relativ jungen Wahlgeschichte zu. Im Jahr 2000 gab es Berichte über eine Fehlzählung und im Jahr 2016 haben mehrere Personen mutmaßlich Stimmzettel in mehr als einem Staat abgegeben.

In einem Bericht des Brookings Institute heißt es, dass die Nationale Konferenz der staatlichen Gesetzgeber eine Reihe von Überlegungen vorgelegt hat, die für eine breitere Umsetzung der elektronischen Stimmabgabe abgeklärt werden müssen. Darunter sind Themen wie Sicherheit, Wählernötigung, Authentifizierung und die Unannehmlichkeiten für lokale Beamte. Obwohl der Bericht das transformative Potenzial der Blockchain-Technologie beim Abstimmungsprozess positiv betrachtet, kam er zu dem Schluss, dass die Blockchain umfassend getestet werden muss, um den Kosten und dem Umfang einer breiteren Umsetzung Rechnung zu tragen.

Matt Blaze, ein Kryptographie- und Sicherheitsforscher an der University of Pennsylvania, kritisierte den Bericht und erklärte, dass Blockchain Schwächen in das System bringe. Blaze sagte auch, dass die Sicherung des Abstimmungssystems "leichter, einfacher und sicherer mit anderen Ansätzen machbar ist".

Marian K. Schneider, Präsident von Verified Voting, kritisierte die Voatz-App ebenfalls und erklärte, dass es sich weniger um eine Blockchain-basierte App als vielmehr um eine Standard-App mit einer angehängten Blockchain handle. Die Hauptsorge ist, dass, obwohl die App die Daten des Wählers verschlüsselt, das aktuelle System nicht garantieren kann, dass das Telefon- und Servicenetz des Wählers frei von Schwachstellen ist. In Bezug auf den Schutz sensibler Informationen, die über das Internet aus der App übertragen werden, sagte Schneider:

"Ich denke, sie haben eine Menge Behauptungen aufgestellt, die in Wirklichkeit kein größeres Vertrauen in das, was sie tun, rechtfertigen, wenn man das mit jedem anderen Internet-Abstimmungssystem vergleicht."

Voatz behauptet, dass die Kritik "falsche Propaganda" sei und dass "die meisten geäußerten Kommentare falsch oder nicht richtig dargestellt" seien.

Die Kritik an den Fähigkeiten der App ist jedoch nicht völlig unbegründet. Eine Test in Utah endete damit, dass das Start-up kurz vor Beginn der Abstimmung ein hohes Download-Aufkommen nicht unterstützen konnte. Voatz blieb jedoch optimistisch und beschrieb den Vorfall als "wertvolle Lernerfahrung".

Blockchain-Implementierung bei Wahlen

Kritiker bleiben unbeeindruckt

Während der Großteil der Kritik an Online- und Mobil-Wahlen auf spezifische Fehler in Programmen gerichtet ist, gibt es mehrere prominente Kritiker, die generell gegen diese Idee sind.

Bruce Schneier, ein Kryptograph, Informatiker und Autor mehrerer Bücher über Kryptographie und Computersicherheit, veröffentlichte einen Blog, in dem er sich gegen den Einsatz von Blockchain bei Wahlen aussprach.

"Der einzige Weg, Wahlen zuverlässig vor Böswilligkeit und Unfällen zu schützen, ist die Verwendung von etwas, das bei einer weitläufigen Verwendung nicht hackbar oder unzuverlässig ist. der beste Weg, das zu tun, ist, so viel wie möglich vom System mittels Papier zu sichern."

Schneier glaubt, dass die bisherigen Bemühungen zur Automatisierung des Wahlsystems eine Botschaft über die potenziellen Gefahren einer solchen Transformation vermitteln. Im Jahr 2007 führten die Staaten Kalifornien und Ohio umfassende Prüfungen ihrer elektronischen Wahlgeräte durch. Das Ergebnis war alles andere als positiv. Die Überprüfung ergab, dass Schwachstellen in fast allen Komponenten vorhanden sind:

"Forscher waren in der Lage, Abstimmungsergebnisse zu ändern, Auditprotokolle zu löschen und Schadsoftware auf die Systeme zu laden, ohne entdeckt zu werden. Einige ihrer Angriffe könnten von einer einzelnen Person durchgeführt werden, die die Zugriffsrechte eines gewöhnlichen Umfragemitarbeiters hat; andere Angriffe könnten aus der Ferne durchgeführt werden."

Das ist nicht der einzige Fall, in dem elektronische Wahlautomaten kompromittiert wurden. Im Jahr 2017 sammelte die Defcon Hacker-Konferenz 25 Geräte und forderte die Teilnehmer heraus, diese zu hacken. Als das Wochenende zu Ende war, hatten die Teilnehmer bösartige Software auf Geräte geladen, die Stimmenzahl anonym manipuliert und die Geräte zum Absturz gebracht. Schneier schreibt: "Das waren gelangweilte Hacker ohne Erfahrung mit Wahlautomaten, die an einem Wochenende zwischen den Partys ein wenig herumgespielt haben."

Im Hinblick auf die beste Lösung schrieb Schneier:

"Sicherheitsforscher sind sich einig, dass der goldene Standard eine von Wählern verifizierte Papierwahl ist. Der einfachste (und billigste) Weg, das zu erreichen, ist die Abstimmung mittels optischem Scan. Die Wähler füllen ihre Papierstimmzettel mit der Hand aus; sie werden in einer Maschine eingegeben und automatisch gezählt. Dieser Stimmzettel wird gespeichert und dient als letzter, wahrer Datensatz bei einer Nachzählung im Falle von Problemen. Touchscreen-Maschinen, die einen Papierstimmzettel ausdrucken und ihn in eine Wahlurne werfen, können auch für Wähler mit Behinderungen funktionieren, solange der Stimmzettel vom Wähler leicht gelesen und überprüft werden kann."

Die vernichtendste Kritik an dem Konzept kommt von Joseph Lorenzo Hall vom Zentrum für Demokratie und Technologie, der das Ganze als "schreckliche Idee" bezeichnete:

"Es ist eine Internet-Abstimmung über die furchtbar schlecht gesicherten Geräte der Leute, über unsere furchtbar schlechten Netzwerke, auf Server, die ohne eine physische Papieraufzeichnung der Stimme nur sehr schwer zu sichern sind."

Diese Kritik scheint die Regierungen jedoch nicht davon abgehalten zu haben, zu versuchen, die Technologie in naher Zukunft einzusetzen. Im Moment können wir nur über die kommunalen, nicht über die nationalen Experimente sprechen, aber da sie in den USA, Japan und der Schweiz bereits durchgeführt wurden, wäre es nicht übertrieben, ein gewisses Interesse der führenden Demokratien der Welt an DLT anzuerkennen.