Englischer Zentralbank-Chef will Finanzsystem radikal umgestalten, fordert gemeinsame Digitalwährung

Mark Carney, der Gouverneur der Zentralbank von England, hat eine radikale Umgestaltung des globalen Finanzsystems gefordert, wobei der US-Dollar als Leitwährung von einer Digitalwährung nach dem Vorbild von Facebook Libra abgelöst werden soll.

Den entsprechenden Vorschlag hatte Carney am 23. August im Rahmen einer Rede gemacht, die er auf der jährlichen Konferenz der amerikanischen Zentralbank, gehalten hatte.

Angesichts weltpolitischer Spannungen und den daraus resultierenden Bedrohungen für die Finanzmärkte fordert Carney, dass es langfristig dringend eine Umgestaltung derselbigen braucht. In diesem Kontext hält er es für sinnvoll, den US-Dollar als Leitwährung durch eine Digitalwährung zu ersetzen, anstatt, dass eine andere Landeswährung, wie zum Beispiel der chinesische Yuan, diese Rolle übernimmt, da Landeswährungen immer von einer nationalen Zentralbank abhängig sind, die dementsprechend große Macht über den globalen Finanzmarkt hält.

Eine Digitalwährung bzw. eine „künstliche Hegemonialwährung“, wie Carney es nennt, würde dieses Problem lösen, so der Chef der englischen Zentralbank. Dabei schwebt ihm eine ähnliche Ausgestaltung wie bei Facebook Libra vor, bei der die Macht auf mehrere Teilhaber verteilt ist. Allerdings will Carney diese nicht durch die Privatwirtschaft etablieren lassen, sondern sieht die Zentralbanken in der Verantwortung, die eine solche gemeinsame Digitalwährung aufbauen müssten.

Carney sieht darin eine Aufgabe von oberster Priorität, da die Globalisierung zur Folge habe, dass die politischen und geldpolitischen Entscheidungen einiger weniger Länder, allen voran die USA, massive Auswirkungen auf den Rest der Welt haben. Dem müsse ein modernes Finanzsystem entgegengestellt werden, das genauso multipolar ist wie eine globalisierte Welt und das die Last auf mehrere Schultern verteilt.

Chancen und Risiken der Digitalwährungen

Im Juli hatte sich Carney zwiegespalten gegenüber Facebook Libra gezeigt. Einerseits betonte er, dass es wichtig sei, die Chancen von Libra zu erkennen, andererseits gelte es aber auch, die damit einhergehenden Risiken ernst zu nehmen.

Vielmehr müsse Facebooks Kryptowährung von Beginn an fast nahezu perfekt ausgestaltet sein, um überhaupt zugelassen zu werden:

„Entweder ist Libra ein voller Erfolg oder auch nicht. Im Erfolgsfall würde sie auf Grund der massiven Anzahl an potenziellen Nutzern geradezu systemrelevant werden und dann gibt es keinen Spielraum für Fehler. Die Ansprüche haben dann eine ganz andere Dimension.”

Im Februar 2018 hatte Carney sich wiederum kritisch gegenüber Bitcoin (BTC) geäußert. Der englische Zentralbank-Chef sieht in der marktführenden Kryptowährung keine „echte“ Währung, da sie grundlegende Funktionen nicht erfüllt.