Erste Blockchain-Smartphones kommen auf den Markt: Finney von Sirin Labs

Nachdem man monatelang darauf wartete und ihm eines der fünf größten ICOs im Jahr 2017 voranging, hat Sirin Labs am 29. November Finney auf den Markt gebracht, das "weltweit erste" Blockchain-Smartphone. Doch selbst mit der Unterstützung der Fußballlegende Lionel Messi und einem Token-Verkauf in Höhe von umgerechnet knapp 140 Mio. Euro ist das 999-Dollar-Gerät in ein völliges Neuland vorgedrungen. Die integrierte Cold-Wallet und das DApp-Ökosystem sind nun im Wettbewerb mit der Dominanz von Apple und Samsung. Und auch das Exodus 1, ein weiteres Blockchain-Smartphone von HTC, ist mit von der Partie.

Funktionen

Der Großteil der wichtigsten Funktionen von Finney wurden bereits vor dem Start am Donnerstag bekanntgegeben: Das Smartphone hat eine integrierte Cold-Storage-Wallet, die physisch von der Haupthardware getrennt ist; das Sirin OS ist ein "von Google zertifizierter" Mod des Android-Betriebssystems; es verfügt über eine KI-gesteuerte, Cyber-Bedrohungserkennung; außerdem ermöglicht es den direkten Austausch ausgewählter Kryptowährungen (Ethereum, Bitcoin und Sirin Labs Token) ohne dazu eine zentralisierte Börse nutzen zu müssen.

Aber bei der Auftaktveranstaltung in Barcelona hat Sirin Labs ihre weiteren Ziele und Erwartungen an Finney konkreter erläutert. Sie enthüllten dabei, dass das Smartphone erst der Anfang ihrer Pläne sei, die Blockchain-Technologie auf mobile Geräte zu bringen.

Vor allem betonte das israelische Unternehmen bei der Auftaktveranstaltung, dass Finney ein Smartphone sei, das die Blockchain-Technologie für die Masse zugänglicher macht und alteingesessenen Krypto-Enthusiasten eine praktischere Möglichkeit biete, ihre Coins sicher zu verwahren und zu verwalten.

"Das ist der wichtigste Computer unserer Generation - das Smartphone."

"Das Finney-Telefon bietet alles aus einer Hand", erklärte der Sirin Labs-Mitbegründer und Co-CEO Moshe Hogeg bei seiner Präsentation. "Vor dem Finney brauchten Sie einen Ledger, einen Computer, Wallet-Software, dann mussten Sie zu einer Börse gehen, und dann erst konnten Sie Währungen tauschen. Die Finney bietet das alles in einem Smartphone."

Finney bietet eine Cold-Storage-Wallet, einen Token-Wechselservice und Kryptobörsen-Anwendungen auf einem einzigen Gerät. Hogeg bekräftigte, Finney werde damit "einen großen Schritt nach vorne machen, um die Lücke zwischen der Blockchain-Wirtschaft und dem Verbrauchermarkt zu schließen". So soll die Krypto-Welt für ein Publikum zugänglicher gemacht werden, das nicht unbedingt die Zeit oder Lust habe, sich bei Kraken oder Coinbase auf seinen PCs anzumelden und dann eine Ledger- oder Trezor-Wallet zu kaufen.

Sirin Labs

Bildquelle: Sirin Labs

Ein weiterer und besser berechenbarer Aspekt im Plan von Sirin Labs, einen Massenmarkt anzulocken, ist, dass Finney mit allen technischen Details und Funktionen ausgestattet ist, die man von einem Smartphone im Jahr 2018 erwartet. Das Smartphone hat eine 12-Megapixel-Rückkamera, eine 8 Megapixel Selfie-Kamera sowie einen 6-Zoll-Touchscreen, 6 GB RAM und 128 GB Speicher. Damit spielt es zumindest in der gleichen Liga wie das iPhone XS aus diesem Jahr. Dieses hat ebenfalls eine 12-Megapixel-Rückkamera (allerdings eine Dualkamera), aber tatsächlich einen kleineren, 5,5-Zoll-Bildschirm, 4 GB RAM und eine 7-Megapixel-Selfie-Kamera.

Die Tatsache, dass es in mehreren Aspekten überlegen ist, wird das Smartphone für Leute attraktiv machen, die womöglich darüber nachgedacht haben, eine separate Hardware-Wallet und ein iPhone XS (oder Samsung Galaxy S9) zu kaufen. Ebenso anziehend ist auch die Leichtigkeit, mit der die wichtigsten Funktionen (die Hardware-Wallet und der DApp-Store) genutzt werden können.

Der Transaktionsprozess ist kurz und schmerzlos. Dazu muss man die Wallet lediglich physisch öffnen (sie befindet sich an der Oberseite des Smartphones und kann nach oben herausgezogen werden) und ein paar mal auf dem Touchscreen tippen sowie ein paar Mal auf den Display des Smartphones tippen (zum Beispiel die Art der Transaktion auswählen). Ein nettes Feature ist, dass Finney es dem Benutzer ermöglicht, die Adressen und Transaktionsbeträge, die sowohl auf dem Bildschirm der Wallet als auch auf dem des Smartphone angezeigt werden, ganz einfach zu vergleichen. Damit wird sichergestellt, dass am Ende keine Coins an den falschen Empfänger geht, wie etwa im Falle eines Hacks oder Bugs.

Dennoch will Sirin Labs mit Finney Kryptowährungen auch auf andere Arten und Weisen zugänglicher und beliebter machen. Zunächst hat das Unternehmen Lionel Messi bereits 2017 als Finney-Markenbotschafter an Bord geholt. Dabei hoffte das Unternehmen, dass "der größte aller Zeiten" und "ein Hacker im Lager", wie Hogel sich ausdrückte, die beste Person wäre, um Finney - und Krypto - einem Massenmarkt viel besser näher zu bringen.

"Ich denke, Sicherheit und Privatsphäre sind im Moment die oberste Priorität. Es ist für alle wichtig, weil wir alle unsere Inhalte und unser ganzes Leben auf dem Smartphone haben [...] Datenschutz ist jetzt wichtiger denn je, weil es im Moment viele Hacker gibt und Leute Ihre Identität oder Ihr Geld stehlen können."

Lionel Messi

DApp-Store

Neben Messis beneidenswertem Ruf soll Finney laut Sirin Labs Krypto mittels dem dCENTER des Smartphones zugänglicher machen. Diese Funktion bietet Nutzern nicht nur einen DApp-Store für dezentrale, Krypto-Anwendungen, sondern belohnt sie auch mit SRN-Token für die Verwendung der angebotenen Anwendungen. Darüber hinaus, so Hogeg, sollen Besitzer rund 300 US-Dollar vom Smartphone-Preis zurückholen können, wenn sie sich mit allen verfügbaren Apps beschäftigen, die beim Start auf dem Markt sind.

Das Unternehmen bezeichnet dieses Programm als "Earn and Learn" (engl. "Verdienen und Lernen"). Dazu gibt es noch die Konzept-Stores, die sich auf das Anziehen eines größeren Publikums konzentrieren und im Dezember in London und Tokyo eröffnet werden sollen. Sirin Labs hofft, dass das Smartphone damit zum Vorreiter für die gesamte Kryptowährungsbranche und nicht nur für Sirin Labs selbst wird.

"Unser gesamtes Konzept basiert darauf, die Lücke zu schließen", erklärte Erin Brazilay, der kaufmännische Leiter bei Sirin Labs, gegenüber Cointelegraph. "Und daher werden wir Konzept-Stores in London und Tokio und anderen Städten eröffnen. Unsere Stores werden als eine Art Akademie für die Blockchain-Community fungieren; alle Mitarbeiter werden auf höchstem Niveau geschult, damit Leute aus der Community auf sie zukommen und Fragen stellen können [über Blockchain und Kryptowährungen]. So kann auch ein Neuling vorbeikommen und ein umfassenderes Verständnis dafür bekommen, wie die Technologie funktioniert. Und so etwas gibt es auf dem Markt noch nicht."

Blockchain-orientiertes Betriebssystem

Das Unternehmen bringt Finney auch mit seinem eigenen Blockchain-orientierten Betriebssystem Sirin OS auf den Markt. Dieses soll auch über die eigene Hardware hinaus verwendet werden. "Wir haben beschlossen, das Finney zu entwickeln: das erste Blockchain-Smartphone, auf dem Sirin OS läuft. Aber damit fangen wir erst an, unsere Vision umzusetzen. Unsere Vision ist es, dass auf jedem Android-basierten Gerät Sirin OS läuft. Wir hoffen, dass andere OEMs (Originalhersteller) das Sirin OS übernehmen und sich uns bei der Blockchain-Revolution anschließen werden."

Mit anderen Worten, Sirin Labs will nicht nur Blockchain-Smartphones herstellen, sondern eine Plattform für Kryptowährungs- und Blockchain-Anwendungen schaffen, und damit zu einer Art "Krypto-Google" werden. Wenn das Unternehmen ein Krypto-orientiertes Betriebssystem auf etwa einem Samsung, Huawei oder HTC-Smartphone bekommen kann, dann bekommt es eine große Reichweite und kann Krypto in den Mainstream bringen. Deshalb bestätigte Erin Brazilay, dass Sirin OS "mindestens" genau so wichtig für die längerfristige Strategie von Sirin Labs sei wie Finney: "Wir müssen viel Druck auf die OEMs ausüben, um sie davon zu überzeugen, Sirin OS als Standard und als De-facto-Technologie zu übernehmen, damit ihre Smartphones Blockchain-fähig werden."

Wie man sich vorstellen kann, ist Sirin Labs in Bezug auf Finneys Zukunft zuversichtlich. Ziel ist es, 100.000 Stück von diesem Smartphone innerhalb eines Jahres zu verkaufen. Das Unternehmen nimmt bereits Bestellungen für das Gerät auf seiner Webseite entgegen und im Januar wird das Smartphone auch über die Amazon Launchpad-Plattform erhältlich sein.

Nischensegment oder Massenmarkt?

Andere Stimmen und Branchengrößen bezweifeln jedoch, dass das Smartphone außerhalb der Kryptowährungsbereichs einen großen Einfluss haben werde. Im Gespräch mit Cointelegraph, sagte der leitende Analyst Tuong H. Nguyen, dass er glaube, dass das Smartphone vor allem "technisch versierte" Personen und "Frühanwender" ansprechen wird.

"Ich bezweifle, dass dieses Gerät ein Massenmarkterfolg werden kann. Die eigentliche Frage, die Sie meiner Meinung nach stellen, ist: "Was ist eine attraktive/sehr beliebte Funktion, die dieses Blockchain-Smartphone bietet? Die Speicher-Wallet bedient ein Nischensegment des Massenmarktes. Es wäre nicht nur für die wenigen Leute, die Krypto besitzen, attraktiv, sondern es geht auch noch eine Nische tiefer, indem es versucht, diese wenigen Leute davon zu überzeugen, dass sie ein Telefon brauchen, das genau das tut. Anders ausgedrückt, warum sollte ich nicht ein Smartphone von einem größeren, bekannteren OEM mit einem Haufen Funktionen kaufen - mehr als ich wahrscheinlich verwenden würde - aber eben ohne die Krypto-Funktionen?"

Sirin Labs hat allerdings nicht nur damit zu kämpfen, dass Finney möglicherweise nur ein "Nischensegment" des Marktes ansprechen könnte. Es gibt auch mehr als einen Mitstreiter im Bereich Blockchain-Phones.

Zum einen will HTC das Exodus 1 im Dezember auf dem Markt bringen. Wie Finney ist das ein High-End-Smartphone mit Cold-Wallet, obwohl es derzeit 39 Dollar günstiger ist als das von Sirin Labs. Und neben HTC gibt es noch einen weiteren Blockchain-Smartphone-Hersteller namens Pundi X.

Bereits im Oktober kündigte der indische Blockchain-Zahlungsanbieter sein eigenes "XPhone" an. Das wird ein Smartphone, das im zweiten Quartal 2019 auf den Markt kommen soll und Telefonate, Nachrichten und mobile Daten über Blockchain-Knoten übertragen kann, wodurch zentrale Mobilfunknetze nicht mehr notwendig sind. Und wie der Vizepräsident des Unternehmens Peko Wan gegenüber Cointelegraph erklärte, soll die Fähigkeit, grundlegende Telefondienste über Dezentralisierung zu bieten, es eher zu einem Blockchain-Smartphone machen als Finney.

"Das Besondere am XPhone ist, dass es tatsächlich ein Blockchain-basiertes Protokoll für die Datenübertragung, zum Telefonieren, Senden von Nachrichten und mehr verwendet. Das heißt, die Benutzer kommunizieren sicher und unabhängig von einem zentralen Anbieter über Knoten miteinander. Wir halten daran fest, dass wir eine einzigartige Blockchain-Anwendung als Übertragungsprotokoll für Telefonie und Daten aller Art neu erfunden haben. Wir haben in jeder Hinsicht ein echtes Blockchain-Smartphone gebaut."

Unabhängig von der Diskussion darüber, ob es sich um ein "echtes" Blockchain-Smartphone handelt oder nicht, ist eines klar: Sirin Labs hat mit Finney einen wichtigen Schritt für die Kryptowährungsbranche getan. Innerhalb eines Jahres hat das Unternehmen nach einem massiven ICO wie versprochen ein leistungsstarkes und sicheres Produkt auf den Markt gebracht, das ihren Nutzern einen tatsächlichen Nutzen und Mehrwert bietet. Das ist etwas, das nicht viele Blockchain-Projekte von sich behaupten können. Es ist schwer vorherzusagen, wohin es in Zukunft mit Finney und Sirin OS gehen wird. Aber zumindest kann man sagen, dass es für die Krypto-Branche nur gut ist, dass endlich Geräte zum Vorschein kommen, die alle Menschen benutzen können.