Der Fall Saber: Wie Kryptos zu Komplementärwährungen werden und die Welt verändern können

In den letzten Jahren haben wir neue massiven Wellen der Einführung und Akzeptanz von Kryptowährung erlebt - Sie können mit Bitcoin jetzt für fast alles bezahlen, von Kaffee bis zu Immobilien. Aber die Ideen standen in der Community immer über dem Geld und es gab noch so viel Potenzial für dezentralisierte digitale Coins. Eine Geschichte von Sabre - einem brasilianischen Komplementärwährungsprojekt, das Anfang der 2000er Jahre entwickelt wurde, um das Bildungssystem zu fördern, ist ein wichtiges Beispiel für das soziale Potenzial. Wir neigen dazu dieses zu vergessen, während wir versuchen mit den Wechselkursen Schritt zu halten.

Kurze Geschichte der Komplementärwährungen

Komplementäre Währungen (CCs), auch Gemeinschaftswährungen genannt, sind im Grunde eine Alternative (oder sogar eine Ergänzung) zu konventionellem Geld. Ihr Zweck besteht in der Regel darin, die lokale Wirtschaft in Zeiten der Rezession zu stärken, indem zusätzliche Transaktionen angeregt und damit der Wirtschaftskreislauf angetrieben wird oder bestimmte soziale, ökologische oder politische Ziele erreicht werden.

In den meisten Fällen sind CCs keine gesetzlichen Zahlungsmittel - d. h. sie werden nicht auf nationaler Ebene akzeptiert; Sie können nicht alles damit kaufen - sie funktionieren nur als geldähnliches Austauschmedium für bestimmte Zwecke in einem begrenzten Bereich. Theoretisch sollten CCs die lokale Wirtschaft stimulieren und die Menschen dazu ermutigen, gemeinsam auf intelligente Weise zu handeln. Obwohl das Ersetzen von konventionellem Geld und das Untergraben der nationalen Währung normalerweise nicht das Ziel einer komplementären Währung ist, scheint sich der Staat oft gegen die Idee zu sträuben. Dieses Modell hat sich einen Ruf als Experiment gemacht und gilt nicht als bewährte Methode.

Die ersten Komplementärwährungen können bis in das alte Ägypten zurückverfolgt werden, wo die Einheimischen Orakas - Töpferwaren - benutzten, die als Quittungen für die Erntemenge der Bauern fungierten. Diese Stücke konnten wiederum für lokale Dienstleistungen gehandelt worden sein. Ebenso haben Leute im mittelalterlichen Europa regelmäßig Brakteaten - Schmuckstücke - für neue Münzen eingetauscht. Allerdings immer mit einem Abzug. Das System sollte verhindern, dass Menschen Münzen horten und sie damit aus dem finanziellen Kreislauf nehmen. Das wiederum hat die Geschwindigkeit des regulären Geldes erhöht.

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In der jüngeren Geschichte erschienen CCs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Eines der nennenswertesten Beispiele ist das Freie-Wirtschafts-Experiment vom Wära in Deutschland. Der Wära war eine Währung, die von Hans Timm und Helmut Rödiger, Anhängern des deutschen Kaufmanns, Theoretikers und Anarchisten Silvio Gesell, eingeführt wurde. Im Laufe des Experiments wurden Wära-Banknoten gedruckt, die in Stückelungen von 1/2, 1, 2, 5 und 10 Wära (ein Wära entsprach einer Reichsmark) zur Unterstützung der Wirtschaft der Bergbaustadt Schwanenkirchen ausgegeben wurde. Diese Stadt litt unter massiver Arbeitslosigkeit. Wie Otrakas im alten Ägypten und Brakteaten im mittelalterlichen Europa war der Wära eine Umlaufsicherungsgebühren-pflichtige Währung, was bedeutet, dass auf jede Banknote eine monatliche Gebühr von einem Prozent ihres Nennwerts erhoben wurde. Dies verhinderte, dass Schwanenkirchener Bürger die Währung aufbewahrten und aus dem aktiven Umlauf fernhielten. Die Währung hatte auch Vorteile für die Nutzer: Zum Beispiel erhielten Leute, die Kohle (das Haupterzeugnis der lokalen Wirtschaft) mit Wära kauften, einen Rabatt.

Im Laufe des Experiments ermöglichte der Wära, dass lokale Dienste weiterlaufen, obwohl die Landeswährung knapp war. Das Ergebnis waren neu geschaffene Arbeitsplätze und bezahlte Steuern. Das Programm endete jedoch abrupt: das Finanzministerium des Reiches verbot die Währung und die Stadt kehrte in ihren früheren verfallenen Zustand zurück.

Ähnliche Experimente wurden zu dieser Zeit auch in anderen Ländern durchgeführt: lokale Währungen wurden in Wörgl, Australien (1932-1934), Alberta, Kanada (1936) und in den USA während der Weltwirtschaftskrise verwendet.

Das Saber-Experiment

Im Jahr 2003 arbeitete der belgische Ökonom Bernard Lietaer mit dem brasilianischen Professor Gillian Schwartz von der Universität São Paulo zusammen, der zuvor als Ökonom bei verschiedenen öffentlichen und privaten Finanzinstituten wie der BankBoston gearbeitet hatte. Dabei wurde ein Vorschlag für eine Komplementärwährung, den Saber, ausgearbeitet und der Regierung in Brasilien vorgelegt.

Der Saber sollte den brasilianischen Schulen dazu verhelfen, mehr Bildungschancen zu bieten, "ohne dabei neuen finanziellen Druck auf die Wirtschaft auszuüben". Die Bildungsgutscheine wurden entwickelt, um einen wichtigen "Lernmultiplikator" zu starten. Damit sollte eine bestimmte Menge Geld mehr Lernleistung für eine größere Anzahl von Schülern bieten. Mit anderen Worten, das Bildungsministerium würde Sabers auf Schulen in Wirtschaftsbezirken verteilen, in denen es normalerweise keine Mittel für eine höhere Schulbildung gibt. Örtliche Schüler im Alter von 7 Jahren erhielten eine bestimmte Anzahl an Sabers unter der Bedingung, dass sie einen Mentor unter älteren Schülern wählen (sie können später mehr Sabers verdienen, indem sie diesen Unterricht für 5 Sabers pro Stunde geben). Am Ende, wenn sie 17 Jahre alt werden und ihren Schulabschluss machen, können sie die gesammelten Sabers dazu verwenden, die Studiengebühren (ganz oder teilweise, abhängig von der verfügbaren Summe) zu bezahlen.  

SABER

Allein schon die Idee einer Alternative zur lokalen Währung klang eher kontrovers. Schwartz erinnert sich beim einem Skype-Anruf mit Cointelegraph:

"Pioniere sind dazu verdammt, die andere Seite des Jordans zu sehen, aber es nie dahin zu schaffen. Vielleicht habe ich zu früh das Konzept von kreativen Währungen erforscht, aber es geht ja nicht um irgendjemandes Idee, sondern um den Zeitgeist."

Die brasilianische Regierung lehnte das Projekt in der Überprüfungsphase ab. Seit Schwartzs Team vor 18 Jahren zum ersten Mal an CCs forschte, hat jedoch sich einiges getan. Jetzt bietet der Aufstieg von Bitcoin mehr Raum für Experimente im Finanzbereich. Schwartz merkt an:

"Ich denke, es ist ein Lernprozess für alle. Jetzt diskutieren die Privatbanken sowie einige Ministerien auf Bundesebene hier über die Blockchain-Technologie. Die Börse von Sao Paulo war in dieser Hinsicht auch eine der Pionierinstitutionen.

Jetzt wird es viel einfacher meinen Partnern, lokalen Führungskräften oder jungen Leuten zu erklären, was eine kreative Währung sein könnte. Denn es gibt den Bitcoin und all diese aktuellen Diskussionen. Hätten diese vor 10 oder 15 Jahren stattgefunden, hätten sie völlig außer Frage gestanden - wie kannst du es überhaupt wagen, echte Währung zu ersetzen?".

Was kommt als nächstes? Eine globale kreative Kryptowährung zur weltweiten Förderung von Bildung, Kultur und Kunst

Aktuell arbeitet Schwartz an der Schaffung einer CC, die überregional ist - das Projekt wurde letzten November in Brasilien gestartet, ist aber noch in der Anfangsphase. "Uns fehlt eine Monetarisierungsplattform für kreative Prozesse, die es bereits in unserer Gesellschaft gibt. Die Welt sollte demokratischer statt autokratisch und technokratisch sein", sagt er und betont dabei gleichzeitig die Popularität von Technologien wie die Massenüberwachung in der modernen Gesellschaft sowie die fluide Stabilität der Weltwährungen in den letzten Jahrzehnten. All diese Dinge stärken den Staat.

Die Plattform namens DarVoz wurde von der Agenda der MIL CLICKS der UNESCO inspiriert (ein Projekt, dem Schwartz 2006 beitrat). Dieses basiert auf der Idee, dass ein verantwortungsvoller Konsum und die Produktion von Online-Inhalten weltweit mit digitaler Währung belohnt werden könnte. Der Professor erklärt:

"Wir arbeiten an der Idee, dass wir digitale Toolkits teilen, die Kreativwährung enthalten können. Das ist ein konkretes Beispiel für diese Idee einer großen kreativen Community, die von Universitäten, Künstlern und Bürgern für eine völlig neue Sphäre für den Informationsaustausch und die lokale Entwicklung genutzt wird. Obwohl Regierungen nicht involviert sind, richtet sich diese Idee nicht gegen Regierungen.

Warum nicht gleich einen neuen Coin ausgeben, solange es in der Welt noch so einfach zu sein scheint. Eine Welt, in der sogar Memes fast zufällig zu erfolgreichen Währungen werden? Laut Schwartz widerspricht das der ganzen Idee. "Es macht keinen Sinn, auf einen Initial Coin Offering (ICO) zu setzen, wenn man nicht den anderen ICO hat: die Initial Community Organization. Man muss zuerst eine organische Verbindung zwischen der Community und der Währung herstellen. Das heißt nicht, dass wir Hunderte von neuen ICOs wollen, sondern ein Währungssystem, bei dem Vielfalt ein wichtiger Teil der Dynamik ist. Die Währung soll wirklich komplementär sein und keine Konkurrenz gegenüber den bestehenden Währungen und Infrastrukturen darstellen. Wir rudern in Bezug auf die Globalisierung nicht zurück - das ist was für Verfechter von Handelsbarrieren. Stattdessen gehen wir weiter, zu mehr Interkonnektivität, aber mit einem Gleichgewicht zwischen dem technologischen und dem humanitären".

Er gesteht die Tatsache ein, dass konservative Regierungen der Welt sich nicht besonders über den Gedanken freuen würden, dass eine reguläre, staatlich anerkannte Währung in irgendeiner Form durch ein dezentralisierte ersetzt werden kann. Daher sucht Schwartz Unterstützung bei aufgeschlosseneren Instituten: Universitäten, Forschungsgruppen und Outreach-Projekte.

"Bisher haben wir nicht genug Unterstützung... es gibt ein Finanzierungsproblem", gesteht Schwartz: "Um etwas wie eine laufende Währung zu entwickeln, ist Vertrauen erforderlich. Um dieses Vertrauen zu bekommen, müssen Sie als institutionelles Gremium oder als Organisation vertrauenswürdig sein. Wir konnten noch immer keinen politischen Entscheidungsträger überzeugen". DarVoz hat jedoch eine alternative Lösung gefunden: Aktuell diskutieren Schwartz und sein Team ihr Konzept mit anderen Universitäten auf der ganzen Welt: "Auf diese Weise sollten wir in der Lage sein, eine globale soziale Währung zu haben, die verschiedene Kultur- und Bildungsprojekte miteinander verbindet".

Krypto-Technologien und Transparenz

Um diese Währung betreiben zu können, benötigt DarVoz eine Plattform. Das Schwartz-Team verhandelt derzeit mit Holochain, einem Open-Source-Framework für Peer-to-Peer-Anwendungen. "Wir werden ein Treffen mit deren Team ausmachen und Ende März ein Brainstorming machen. Aber die politische Situation in Brasilien ist im Moment sehr instabil. In 21 Jahren, in denen ich mit diesen Projekten an der Universität von São Paulo zusammengearbeitet habe, ist das die schlechteste Zeit", lacht der Professor. Etwas Vorsicht würde nicht schaden, glaubt Schwartz:

"Es ist wichtig, einen offenen Dialog mit der Zentralbank darüber zu führen, welche Art von Währung das ist und mit welchem Bereich sie verbunden ist... heutzutage werden alle möglichen Mauern aufgebaut. Das ist so, als würde man wieder im Mittelalter landen".

Der Zweck der Währung ist Teil seines Wertes. Im Gegensatz zu regulärer Währung, die laut Schwartz "für alles mögliche nützlich sein kann - mit regulärem Geld kann man Waffen oder ein Glas Wasser kaufen". Sein Team bemüht sich, so transparent wie NGOs zu sein. Die Aktivitäten innerhalb der Währung müssen absolut nachvollziehbar sein, um sie monetarisieren zu können. Solche digitalen Aufzeichnungen sollen im Blockchain-artigen Grundgerüst der Währung festgehalten werden:

"Das entwickelt sich ganz natürlich in die öffentlich Sphäre von geteilten audiovisuellen Inhalten ... Sagen wir, Sie haben eine Lehrstunde mit 15 Kindern in Bolivien abgehalten und sich um der Kirchengarten gekümmert. Sie verbinden sich mit dem globalen Netzwerk und teilen die Aufzeichnungen ihrer Aktivitäten... Es geht im Wesentlichen darum, dass Sie auf einer demokratischen Plattform Wissen in Anerkennung umwandeln".

Trotz der Komplexität seines Konzepts und geringem Intersse seitens politischer Entscheidungsträger und Investoren, bleibt Schwartz optimistisch. "Das ist ein Lernprozess. Es geht hier nicht um die Währungen, sondern darum, dass Länder eine neue Verständnisebene erreichen, die man mindestens mit den Nachkriegskonsens zur Sozialversicherung vergleichen kann. Wir sind wahrscheinlich in den letzten Phasen der Krise. Ein neuer Konsens ist sehr wahrscheinlich, da wir viel mehr Werkzeuge haben, die wir bereden, teilen und nutzen sollten. Andererseits jedoch können diese Werkzeuge auch zur Kontrolle, Zensur und Unterdrückung genutzt werden. Man kann ein Messer zum töten oder zum Brot schneiden und teilen verwenden."