Chef-Ökonom der ING DiBa: „Facebook Libra setzt Zentralbanken unter Druck“

Der Chef-Ökonom der niederländischen Direktbank ING denkt, dass Facebook Libra die Zentralbanken unter Druck setzt, eine eigene Digitalwährung herausbringen zu müssen.

Die entsprechenden Äußerungen machte Mark Cliffe am 27. September auf dem firmeneigenen THINK Portal der ING. Demnach sieht er eine „Dringlichkeit unter den Zentralbänkern“, die durch das Facebook Krypto-Projekt ausgelöst wurde, das bereits 2020 an den Start gehen soll.

Wie der Chef-Ökonom vermutet, könnten die sogenannten Zentralbank-Digitalwährungen (CBDCs) durch diesen Umstand enorm beschleunigt und schon in den nächsten zwei bis drei Jahren herausgebracht werden.

Geldpolitisches Instrument mit Vor- und Nachteilen

Die Einführung von Zentralbank-Digitalwährungen hätte aber wohl zur Folge, dass Bargeld dadurch schleichend abgeschafft würde.

Eine solche Entwicklung könnte es den Zentralbanken wiederum erlauben, die Zinssätze noch weiter in den negativen Bereich zu verschieben, was völlig neue geldpolitische Möglichkeiten eröffnen würde.

Allerdings wäre dies sehr zum Ärger der Sparer, da sich negative Zinsen dramatisch auf Sparvermögen auswirken und diese regelrecht „auffressen“.

Den Gegenwind für solch ein Vorhaben hatte Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank, in diesem Jahr schon zu spüren bekommen, als er (unabhängig von einer eigenen Digitalwährung) den Leitzins noch weiter absenken wollte als bisher.

ING Chef-Ökonom Cliffe ist nichtsdestotrotz optimistisch, was das geldpolitische Potenzial von Zentralbank-Digitalwährungen angeht, so meint er:

„Hierdurch könnte sich für die Zentralbanken eine Reihe völlig neuer Möglichkeiten ergeben, um die Wirtschaft in der nächsten Rezession anzukurbeln.“

Libra und die Zentralbanken

Wie zuvor berichtet, berät sich die deutsche Bundesregierung bereits mit der Deutschen Bundesbank über die Herausgabe einer eigenen Zentralbank-Digitalwährung, was zuletzt durch eine entsprechende Anfrage im Bundestag bestätigt wurde.

Ein Bericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hatte im Januar, und damit vor der Veröffentlichung von Facebook Libra, wiederum ergeben, dass 70% aller weltweiten Zentralbanken sich schon mit dem Thema CBDC auseinandersetzen, allerdings haben erst ungefähr zwei Drittel eine konkrete Position dazu.

Die chinesische Zentralbank ist derweil ein regelrechter Vorreiter und steht wohl kurz vor der Herausgabe einer eigenen Digitalwährung, die als direkte Antwort auf Facebook Libra gedacht ist. Allerdings gibt es momentan noch Unklarheit, wann die chinesische CBDC tatsächlich auf den Markt kommen soll.

Einige Stimmen vermuten, dass China mit der eigenen Digitalwährung einer Entwicklung zuvorkommen will, die durch die Einführung von Facebook Libra unweigerlich den US-Dollar stärken könnte. Stattdessen bestünde mit einer eigenen Digitalwährung die Möglichkeit, sich selbst weitestgehend vom westlichen Finanzsystem unabhängig zu machen, um die eigene Macht auszubauen.