Philipp Sandner über Libra: Keine Geldschöpfung durch Facebook ist zulässig

Prof. Dr. Philipp Sandner erforscht die Blockchain-Technologie und Krypto-Anlagen und gilt als der bekannteste deutsche Hochschulvertreter in diesem Bereich. Er leitet das Frankfurt School Blockchain Center (FSBC) an der Frankfurt School of Finance & Management und ist an vielen Blockchain-Projekten beteiligt. Eines davon ist die International Token Standardization Association, kurz ITSA, eine Non-Profit-Organisation aus dem Bereich der Token-Standardisierung mit Sitz in Berlin.

Im Cointelegraph-Interview äußert sich Philipp Sandner zu Facebooks Kryptowährung Libra, zur Blockchain-Strategie Deutschlands in diesem Zusammenhang und welche Ausbildungsmöglichkeiten es für Blockchain-Experten gibt.

Facebook wird zum digitalen “Fußabdruck”

Cointelegraph auf Deutsch: Was halten Sie von Facebooks Projekt Libra? Welche gesellschaftlichen und politischen Folgen wird es haben?

Philipp Sandner: Ich bin grundsätzlich positiver Meinung und halte es für ein spannendes Projekt, besonders durch das Konsortium-Modell. Das ist deshalb so wichtig, weil die Konsortiumsmitglieder die Möglichkeit haben, die sogenannte „Last Mile“ zu schließen, um den Menschen, der sein Handy benutzt, tatsächlich erreichen zu können. 

Es gibt aber auch ein paar kritische Punkte, und zwar, wenn Facebooks Libra die folgenden drei Aspekte miteinander kombiniert, dann wird es sicherlich gefährlich. Es geht vor allem um Daten, die ich bei Facebook hinterlasse, die eigene digitale Identität und Geld, also ein monetärer Wert.  Die Verbindung von diesen drei Komponenten ist zu vermeiden. Denn Facebook wird zukünftig zum digitalen “Fußabdruck”, den wir alle beim Surfen hinterlassen, zusätzliche Informationen über unser Kaufverhalten und unsere Zahlungsströme erhalten, falls wir zusätzlich Libra verwenden. 

Allerdings, und das ist der zweite kritische Punkt, sind viele Aspekte der Governance-Seite des Projektes noch unklar. Das beginnt bei der Zusammenstellung der Währungsreserven, betrifft aber auch die Entscheidungsfindung innerhalb des Konsortiums und auch den Anteil der Dezentralität, deren Stand heute noch als relativ gering eingeschätzt werden kann. Bisher ist Libra relativ zentral aufgesetzt, auch da gibt es also sicherlich Probleme, die man genau anschauen muss.

Aber bei aller Kritik und bei allem Negativen ist es ein faszinierendes Projekt, das sicherlich auch in aller Kürze zu einem durchschlagenden Erfolg werden wird.

Keine Geldschöpfung durch Facebook 

CT: Ist Libra eine Bedrohung für Banken in Bezug auf die mögliche zukünftige Dominanz im Zahlungsverkehr?

PS: Man kann der Bedrohung insofern Einhalt gebieten, weil man noch die Möglichkeit hat, das Projekt zu beeinflussen und seitens eines Staates, einer Zentralbank oder einer Finanzbehörde sagen kann, dass eine Genehmigung für den Betrieb nur erteilt wird, wenn die folgenden eins, zwei, drei Bedingungen eingehalten sind.

Ich kann jetzt keine Bedrohung für die Finanzmarktstabilität erkennen und zwar deswegen nicht, weil bei Libra kein neues Geld geschöpft wird, sondern stattdessen wird jeder einzelne Libra-Token durch Währungen und Staatsanleihen von verschiedenen Währungen gedeckt werden. Es besteht eine 1-zu-1-Deckung, wie zum Beispiel bei PayPal. PayPal funktioniert gut und ist kein Risiko für die Finanzstabilität, weil bei PayPal auch kein neues Geld erzeugt wird, und es, wie Facebooks Libra früher oder später auch, der staatlichen Kontrolle unterliegt, weil eben entsprechende Finanzmarktlizenzen erforderlich sein werden. Deswegen kann man das mögliche Risiko für die Finanzmarktstabilität einfach minimieren, wenn ich als Staat, Zentralbank oder Finanzaufsicht geschlossen auftrete und meine Bedingungen klar artikuliere.

CT: Welche Bedingungen an Libra sollten dann zuerst erläutert werden?

PS: Die Geldschöpfung durch Facebook sollte unterbunden werden. Eine Zentralbank oder Finanzmarktaufsicht sollte darauf achten, dass diese 1-zu-1-Deckung beim Libra auf längere Sicht erhalten bleibt.

Libra steht ab 2020 unter deutscher Aufsicht 

СT: Wird es in Deutschland bzw. im deutschsprachigen Raum eine Regulierung für den Libra geben?

PS: Das prüft das Bundesfinanzministerium in Berlin. Da ist gerade eine Diskussion eröffnet worden, ob Kryptowährungen eine besondere Form der Verwahrung brauchen und ob diese reglementiert werden soll. Und hier ist der Stand jetzt so, dass die Kryptowährungen, quasi analog zu den anderen Finanzinstrumenten, ab dem 1. Januar 2020 reguliert werden sollen. Das bedeutet, dass man ab 2020 eine Banklizenz braucht, um mit Libra hantieren zu dürfen. Ebenfalls wird ab 2020 auch eine Banklizenz erforderlich sein, um als Firma gewerblich mit Kryptowährungen hantieren zu können.

Das macht grundsätzlich Sinn und ist auch richtig, allerdings kommt das schnell und deswegen gibt es sicherlich einige Firmen, die bereits mit Kryptowährungen hantieren oder Kryptowährungen verwahren, die ab 2020 große Probleme haben könnten, wenn ihnen keine Lizenz erteilt wird oder über ein Partnerunternehmen zur Verfügung gestellt werden kann.

Das heißt, Libra steht schon ab dem 1. Januar 2020 unter deutscher Aufsicht, und man kann es theoretisch verbieten, indem man dem entsprechenden Verwahrer keine Lizenz erteilt. Der Staat kann ganz einfach die Bedingungen vorgeben, unter welchen eine Libra oder andere Kryptowährung genehmigt werden könnte.

“Bitcoin und Libra ergänzen sich gut”

CT: Inwiefern wird der lokale Kryptomarkt von Libra beeinflusst?

PS: Ich glaube nicht, dass Libra ein Ersatz für den Bitcoin werden wird, ganz im Gegenteil, Bitcoin und Libra ergänzen sich gut. Ich sehe Libra als vollwertiges Geld, um zum Beispiel Konsum zu finanzieren, Kaffee zu kaufen und mein tägliches Brot zu bezahlen, weil Libra eine wertstabile Währung ist.

Gleichzeitig kann ich mit Bitcoin meine Wertanlagen sicher aufbewahren. Das wäre analog zu folgendem Beispiel: Ich zahle meinen Espresso in Deutschland heute mit Euro und, wenn ich Geld auf ganz sichere Weise aufbewahren möchte, kaufe ich mir Gold. Das heißt, heute schon sind Gold und Euro komplementär, und ich glaube, dass in ähnlicher Weise irgendwann auch Libra und Bitcoin komplementär sein würden. So wird Libra die gesamte Kryptoszene eher befördern. Man schätzt derzeit die Anzahl der Kryptowährungsbesitzer auf 37 Mio. weltweit, mit Libra könnten das relativ kurzfristig 200-300 Mio. Menschen werden. Man hätte relativ schnell eine große Anzahl an Leuten, die mit Kryptowährungen agiert, auch wenn diese zunächst im Libra sind, ist der Bitcoin über die Kryptobörsen nur noch einen Klick weiter weg.

CT: Wird der Libra Altcoins ersetzen, die für Zahlungen genutzt werden?

PS: Ja, bestimmte Kryptowährungen, die viel mehr auf Zahlungen ausgerichtet sind und die nur eine schlechte oder schwache Smart-Contract-Funktionalität bieten, können durch Libra – zumindest in Teilen – ersetzt werden. Das betrifft zum Beispiel Stellar oder Ripple.

Deutschland ist bei der Blockchain-Technologie gut aufgestellt

CT: Was halten Sie von der geplanten Blockchain-Strategie der deutschen Bundesregierung? Haben Sie als Berater bei der Online-Konsultation mitgewirkt?

PS: Nein, ich bin in dem FinTech-Rat, der vom deutschen Bundesfinanzministerium ausgehandelt wurde, dort habe ich im Rahmen meiner Dienstzeit zu den Online-Konsultationen Stellung bezogen, geschehen in einem ungefähr 20-seitigen Dokument.  Aber in den Beratungen zu der Blockchain-Strategie der Bundesregierung bin nicht involviert gewesen.

Die Blockchain-Strategie soll im September anscheinend verkündet werden. Was man so hört, sind da spannende Aspekte enthalten, wobei ich dahingehend keine Details weiß. Ich habe auch gehört, dass sich Angela Merkel dem Thema relativ offen gegenüber zeigt, deswegen glaube ich, dass es eine interessante Zeit sein wird, wenn wir tatsächlich von der Blockchain-Strategie hören. Weil es eigentlich selten passiert, dass in einem dermaßen frühen Stadium der Technologie die Bundesregierung möglicherweise das Thema mit einer positiven Strategie bedenkt.

Der Inhalt ist natürlich wichtig, aber wenn man mal von den Inhalten abstrahiert, wird auch wichtig sein, dass unsere Regierung das Wort „Blockchain“ öffentlich in den Mund nimmt, um den Leuten in Deutschland damit zu signalisieren, dass es eine wichtige Technologie ist für den Wirtschaftsstandort Deutschland, für Unternehmen, Startups und darüber hinaus auch in Europa. Ich hoffe deshalb auf den Effekt von Rückenwind, wenn das Thema tatsächlich bei der Bundesregierung ganz oben auf die Agenda kommt.

CT: Was denken Sie, welche Förderprogramme braucht es von der staatlichen Seite, damit Deutschland sich in Zukunft im globalen Blockchain-Wettbewerb behaupten kann?

PS: Deutschland bzw. der deutschsprachige Raum im internationalen Vergleich ist nicht schlecht aufgestellt. Es geht natürlich immer besser, mehr und toller, aber wenn man es nüchtern betrachtet, ist Deutschland mit seinen Startups, mit der BaFin [Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht] und mit der Politik grundsätzlich gut aufgestellt.

Natürlich gibt es aber Verbesserungspotenzial. Erstens, es fehlt die ordentliche Regulierung von Kryptowährungen, aber bitte nicht so, dass man über das erforderliche Maß hinausschießt, sonst verschwindet die Startup-Szene ins Ausland.

Zweitens, im Bereich Datenschutz ist es wichtig, dass man den Datenschutz so belässt, wie er ist, aber dass man eben revidiert, was bestimmte Hashwerte angeht, die im Blockchain-System eingetragen werden, wie zum Beispiel persönliche Daten, die durch die Datenschutzgrundverordnung abgesichert sind.

Drittens, man sollte im Bereich des Wertpapierrechtes die Urkundenpflicht lockern, was man ja bei Schuldverschreibungen schon begonnen hat. Das sollte man früher oder später ausdehnen auf Aktien und andere Wertpapiere. Auch im Verbraucherrecht gibt es zum Beispiel einige Aspekte zu klären.

Jetzt möchte ich aber noch auf einen ganz besonderen Punkt Wert legen, nämlich, dass man schnellstmöglich die Bedingungen schafft und auch unterstützt, um zum Beispiel den Euro auf ein Blockchain-System zu bringen. Ich würde mir wünschen, dass wir das Thema seitens des Staates unterstützen, weil nur dann kann eine Firma – Bosch, Siemens oder BMW – Blockchain-Technologie finanztechnisch sicher und sinnvoll einsetzen, wenn ich quasi in der Lage bin, den Euro als Rechnungseinheit auf einer Blockchain zu haben, sodass ich meine Rechnung an einen Kunden in Euro stellen kann.

Nachfrage nach Blockchain-Seminare noch gering 

CT: Jetzt kommen wir zum Thema Bildung und Blockchain. In welchen Anwendungsgebieten sehen Sie im Hinblick auf DLT-Technologien, wie Blockchain, den größten Forschungsbedarf?

PS: Ja, also es ist so, heute im Bereich Blockchain sind relativ wenige Hochschulen und Universitäten aktiv. Ich habe aber das Gefühl, dass das schnell zunimmt, aber es gibt noch viel zu tun. Gerade in den Bereichen Informatik und Kryptografie ist schon einiges passiert, obwohl auch gerade dort, was IT-Sicherheit betrifft, noch weitaus mehr passieren muss. Weiterhin ist es so, dass in anderen Domänen, also in den Wirtschaftswissenschaften, im Hinblick auf Blockchain wenig bis gar nichts in Deutschland passiert.

Noch wichtiger finde ich den Bereich Ausbildung. Das ganze Thema wird nur dann für die deutsche Industrie sinnvoll einsetzbar, wenn wir beginnen, mehr Leute in dem Bereich auszubilden. Das heißt, im Bereich Ausbildung sollten Leute mit technischem Hintergrund, aber auch BWL‘er, sich mit neuen Technologien beschäftigen. Das betrifft nicht nur die Blockchain, sondern auch bestimmte Arten von Algorithmen für Künstliche Intelligenz. Aber gerade im Bereich Blockchain-Ausbildung tut sich bisher noch relativ wenig, weil das Thema in den Studienverordnungen oftmals noch nicht verankert ist.

СT: Als Professor an dem FS Blockchain Center erforschen Sie die Krypto-Ökonomie. Erzählen Sie bitte über Ihre aktuellen Forschungsprojekte?

PS: Also wir machen Forschungsprojekte, aber auch Unternehmensberatungsprojekte. Wir arbeiten gemeinsam mit Bosch und der Technischen Universität Darmstadt an einem Projekt, da geht es darum, dass wir uns Geschäftsmodelle im Bereich IoT (Internet of Things) anschauen. Wir haben aus einem Forschungsprojekt heraus die ITSA gegründet, das ist ein Non-Profit-Verein, der sich mit der Standardisierung von Tokens beschäftigt, da haben wir hunderte von Kryptowährungen nach verschiedenen Dimensionen klassifiziert und eingeordnet. Wir stellen auch Daten bereit, sodass Kryptowährungen erstmalig analysiert werden können, anhand von verschiedenen Kategorisierungen, wie zum Beispiel Payment-Tokens versus Utility-Tokens versus Security-Tokens. Erst jetzt so langsam hat man eben auch die Daten, um hier mal reinzuschauen, welche Trends es in dem Bereich gibt, welche Krypto-Assets es gibt und wie eingeordnet werden können.

СT: Was kann ihr Institut krypto-interessierten Studenten anbieten, die sich tiefergehend mit der Thematik auseinandersetzen möchten?

PS: Wir haben einige kleinere Studiengänge und auch Seminare, wo wir das ganze Thema Blockchain immer mal wieder aufgreifen. Wir haben auch einen gemeinsamen Workshop mit R3 aus London, allerdings war die Nachfrage nach solchen Bildungsmaßnahmen bisher noch gering, deswegen haben wir manche Sachen schon wieder eingestellt.

Wir machen auch zahlreiche Veranstaltungen umsonst. Es gibt Veranstaltungen, die dann oftmals von der Industrie oder von Startups bezahlt werden, wie zum Beispiel im April den sogenannten  „STO Day“. Das war für alle kostenlos, dementsprechend waren auch 300 Leute da und dort konnten sechs Firmen zeigen, was sie genau in dem Bereich Blockchain momentan machen. Wir machen solche Veranstaltungen regelmäßig 5 bis 8 Mal pro Jahr, das nächste Mal ist im September mit dem Thema "Money on Blockchain", also Euro auf Blockchain-Basis. [Die Veranstaltung fand gestern, am 3. September, statt – CT]. 

Jetzt kommt noch was anderes Wichtiges. Wir beginnen bald auch damit, Videokurse zu machen, weil wir das Gefühl haben, dass es im Bereich Blockchain viele junge Leute gibt, die das Thema erlernen möchten, sich dafür aber nicht physisch in einen Raum setzen möchten. Das heißt, wir werden beginnen, zunächst 5 Videokurse anzubieten, die verschiedene Aspekte mit wirklich tollen Dozenten behandeln. Deshalb glaube ich, dass dieser neue Modus von Videokursen einfach der richtige ist, um möglichst viele Leute zu erreichen und gleichzeitig auch die Gebühren für solche Kurse gering zu halten.