Eine der ersten großen Adaptionswellen von Bitcoin und Kryptowährungen wurde ausgelöst, als wichtige Spieler der Wall Street damit anfingen, Bitcoin als eine spekulative Wertanlage mit hohen Gewinnchancen zu betrachten. Es teilte die Gemeinschaft in zwei Lager; die eine Seite war angetan, die andere wich dem Phänomen aus.
Inzwischen locken Banking und Kryptowährungen, speziell aber die Blockchain-Aspekte der digitalen Währung, diverse Neulinge an. Goldman Sachs, eine Bank, die wie viele die Technologie zunächst ignoriert hatte, hat inzwischen einem Krypto-Trader an die Spitze der der Abteilung für digitale Assets gestellt.
Auch JP Morgan, das von einem der größten Bitcoin-Gegner überhaupt - Jamie Dimon - geleitet wird, bereitet sich für die breite Adaption und Entwicklung von Blockchain-Produkten vor, wie beispielsweise die Implementierung der eignen Blockchain- und Smart-Contract-Plattform Quorum verdeutlicht.
Während sich die allgemeine Einstellung der Bankinstitutionen zu Bitcoin und Blockchain stark verändert hat, herrscht weiterhin die bemerkenswerte Sichtweise vor, die Blockchain über Bitcoin stellt, was zunächst widersinnig erscheint.
Weltbank
Auch wenn die Weltbank einer extrem engstirnigen Definition von Bank nicht standhalten würde, sie ebenfalls eine finanzielle Institution, die gerade die Vorteile entdeckt, die die Blockchain-Technologie für ihre spezifischen Bedürfnisse bringen kann.
Die Weltbank betrachtet Blockchain als ein potenzielles Mittel, um das Vertrauen der Bevölkerung in finanzielle Institutionen (wieder) aufzubauen, das in den letzten Jahren weltweit immer weiter abgenommen hat.
Die weltweit größte multilaterale Entwicklungsbank arbeitet mit einem 'Blockchain-Lab' als Teil eines Pilotenprojekts zusammen, das die sozialen Verhältnisse in Entwicklungsländern verbessern und deren Regierungen unterstützen soll.
Laut Vincent Launay, einem Weltbankspezialisten für Finanzinfrastrukturen, wurde das Labor im Juni 2017 ins Leben gerufen, um der Institution aufzuzeigen, welches Potenzial in Blockchain steckt, die weltweite Armut zu beenden und wie es Klienten helfen kann, bestehende und ungeeignete Technologien zu überholen. Launay sagte Cointelegraph:
"Ziel ist es, ein besseres Verständnis dafür zu erlangen, wie Blockchain unseren Klienten dabei helfen kann, bestehende Technologien hinter sich zu lassen. Das Labor arbeitet zurzeit an Wirksamkeitsnachweisen. (...) Einige der betrachteten Anwendungsfälle behandeln grenzübergreifende Zahlungen, Landadministrationen und Kohlenstoffgutschriften. (...) Eine Herausforderung ist jetzt das Umrüsten von Weltbankmitarbeitern, damit diese Klienten mit Blockchain-Lösungen bedienen können. Die Weltbank ist eine große Institution, daher dauert es eine Weile, aber wir arbeiten dran."
Interessanterweise merkt Launay an, dass das Labor mit anderen Industrieexperten wie Microsoft, Amazon oder Consensys zusammenarbeiten könnte, um neue Lösungen für Weltbankkunden zu entwickeln. Der Vorschlag verdeutlicht einmal mehr, wie sich die Idee von Blockchain tiefer in das Geschäftsverständnis großer Unternehmen einnistet. Allerdings betont Launay auch, das bisher formal noch nichts beschlossen ist.
Internationaler Währungsfonds
Eine Organisation, die formell mit Blockchain-Technologien arbeitet und dies öffentlich verkündet, ist der Internationale Währungsfonds (IWF), der zwar keine Bank im eigentlichen Sinn ist, aber ebenfalls Vorteile in Blockchain erkennt.
Christine Lagarde, die Leiterin des IWF spricht vorsichtig, aber durchaus positiv über Blockchain und das Potenzial von Kryptowährungen auf globaler Ebene, auch wenn ihr passiver Ansatz aktuell noch darauf basiert, die Entwicklungen der Technologien zu beobachten und abzuwarten.
"Der IWF untersucht bereits sehr intensiv", so Launay. "Er hat bereits zwei Reports zu Kryptowährungen veröffentlicht und wie sie vielleicht gelesen haben, ist sich Christine Lagarde sehr wohl bewusst, was Kryptowährungen sind und dass sie großartige Möglichkeiten aber auch Herausforderungen bieten."
Wettrennen und inaktives Beobachten
Blockchain-Tech wird sowohl als extrem spannend als auch nervenaufreibend bezeichnet und viele Organisationen aus diversen Sektoren haben daher eine abwartende Haltung eingenommen. Wie am Beispiel von Gesetzgebungen deutlich wird, sind einige Länder fortschrittlicher als andere, welche sich nachträglich einfach am besten Beispiel orientieren. Das gleiche passiert jetzt im Banking.
Farzam Ehsani, ein ehemaliger Blockchain-Leiter bei der Rand Handelsbank und inzwischen Geschäftsführer und Mitgründer von VALR, sagte, dass die meisten großen Finanzinstitutionen inzwischen eine Art Blockchain-Initiative innerhalb ihrer Firma haben. Ehsani sagte Cointelegraph:
"Viele Finanzinstitute verbringen Zeit mit Blockchain und Permissioned Networks - und dafür gibt es durchaus Gründe - aber ich denke, dass immer mehr Finanzinstitute dabei sind, zu erkennen, dass Krypto-Wertanlagen als eine Finanzanlagenkategorie auf dem Vormarsch sind. Wir hören viel darüber, dass damit begonnen wird, seinen Kunden Krypto-Wertanlagen anzubieten.
"Sämtliche Banken erkennen, dass sie auf dieses Boot aufspringen müssen. Ich glaube nicht, dass viele Banken verstehen, wohin der Weg führt, aber sie erkennen zumindest, dass es sich um eine Entwicklung handelt, die am Anfang steht und wenn sie ein Teil davon sein wollen, müsse sie in diesem Boot sitzen."
Ehsani erklärt, dass als Teil seiner Rolle bei der Rand Handelsbank mitbekommen hat, dass die Experimente extrem sind, welche das Unternehmen zum vollen Verständnis der aufstrebenden Technologie durchführt. Aber auch wenn anderen Banken ebenfalls versuchen, die Blockchain-Möglichkeiten im Finanzbereich zu erweitern, ist es seinem Wissen nach bisher niemandem gelungen, ein fertiges Produkt zu erschaffen, das entweder Einnahmen bringt oder Kosten reduziert.
"Wir bei der Rand Handelsbank haben viel getan", fügt Ehsani hinzu. "Wir haben diverse Blockchain-Netzwerke gebaut, einige alleine, um die Technologie zu verstehen und andere mit der Industrie zusammen, um Konsens-Algorithmen zu verstehen. Wir haben einen Fork der Bitcoin-Blockchain geschaltet, Atomic Swaps auf einer genehmigten Ethereum-Blockchain durchgeführt und Smart Contract mit finanziellen Instrumenten erforscht."
"Die Reservebank arbeitet derzeit mit einigen Banken in Südafrika an dem Projekt Khoka - dessen Ziel es ist, bankübergreifende Clearings und Abrechnung mit Hilfe von Distributed-Ledger-Technologie zu replizieren. Es wird viel getan, aber aktuell weiß ich von keiner genehmigten Blockchain in Arbeit, die einen nachweisbaren Effekt für die Wirtschaft hat."
Banking im Wandel
Es ist klar, dass die Banken hartnäckig versuchen, nichts zu verpassen, was in naher Zukunft die Paradigmen der Industrie verändern könnte. Die Technologie ist finanziell lukrativ und von disruptiver Natur. Das steigende Interesse von Banken verdeutlicht nur, dass auch die Finanzwelt erkannt hat, dass die Chance zu groß ist, um sie zu verpassen.
Banking ist ein Wirtschaftssektor, der in seiner Evolution erstarrt ist. Er ist in langsam und vorsichtig gewachsen, steht aber jetzt am Abgrund großer Veränderungen. Nicht nur wegen Blockchain, sondern auch, weil diverse Bereiche der Gesellschaft Zugriff fordern.
Launay erklärt, dass es in Entwicklungsländern eine massive Marktlücke gibt, wo Leute ohne Bankverbindung verzweifelt nach einer passenden Ersatzmöglichkeit suchen.
"Die Bevölkerung ohne Zugang zum Bankensystem stellt einen gigantischer Markt für Krypto - 2,5 Mrd. Menschen, die kein Bankkonto besitzen und vielleicht nie eins brauchen werden. Sie könnten mit Krypto-Wallets auf ihren Smartphones vorauseilen. Auch die Überweisungsindustrie wird durch Krypto gestört werden, denn Gebühren von 5 bis 9 Prozent, um Geld nach Afrika zu senden, wird nicht länger akzeptabel sein. Das zentralisierte Beispiel von M-Pesa in Kenia könnte in dezentralisierter Form woanders wiedergegeben werden."
"Banken müssen sich eventuell anpassen und flexibel sein, vielleicht können sie Klienten anbieten, deren Kryptos zu verwahren, wenn diese nicht Technik-affin genug sind, um ihre eigenen Wallets zu managen."
Tatsächlich passiert so etwas bereits; Wichtige Spieler wie Barclays und Goldman Sachs beispielsweise sollen laut Gerüchten Krypto-Handelsposten einführen und selbst wenn die Gerüchte wiederlegt wurden - wo Rauch ist, ist gewöhnlich auch Feuer.
"Die neuen Banken sehen nicht zwangsläufig wie die alten Banken aus, man muss sich nur WeChat in China ansehen", fügt Launay hinzu. "Wir Bank wird zu einer App."
Das Bedürfnis nach Innovatoren
Die Banken kriegen zwar ihren Fuß in die Tür, aber der vorsichtige Ansatz und die Experimente bringen sie nicht allzu weit. Regulationen und Verpflichtungen gegenüber den Anteilseignern sowie das Wahren ihres Rufes hindert Banken daran, wirklich Wellen in der Blockchain-Sphäre zu schlagen - sie brauchen Innovatoren.
"Viele Banken nehmen eine abwartende Haltung ein, da viele nicht das interne Wissen besitzen, um den Trend zu verstehen oder wie mächtig die Technologie ist. Einige von ihnen beginnen damit, Partnerschaften mit Blockchain-Startups einzugehen", fügt Ehsani hinzu.
Aber der Markt ist noch ganz neu und es gibt keinen festgelegten Weg, wie Banken und Unternehmen, ihre Ideen umsetzen können. Das Problem für Banken ist - unter anderem - dass sie solche Einschränkungen haben.
"Verschiedene Banken verfolgen unterschiedliche Strategien. Einige Banken nehmen eine abwartende Haltung ein, da sie nicht die ersten auf der Party sein wollen, da sie das als zu risikoreich betrachten und sie wollen ihren regulatorischen Standpunkt nicht gefährden oder ihren Ruf im Markt. Daher werden sie abwarten und beobachten müssen, was die anderen tun und wenn sie eine Prämie zahlen müssen, um ein Startup zu kaufen, dann werden sie das tun."
Eine interessante Zukunft
Es ist viel passiert, wenn man sich die Haltung der Banken gegenüber Blockchain und Krypto über die letzte Zeit hinweg anschaut. Es wird sehr viel mehr experimentiert und weniger ausgewichen, aber wir befinden uns immer noch am Anfang.
Die Banken haben noch einen langen Weg vor sich, aber sie scheinen verstanden zu haben, dass sie ihr Geschäftsmodell im Einklang mit den wachsenden Bedürfnisses der Gesellschaft transformieren müssen. Wenn das die Annahme von Blockchain-Techniken bedeutet, dann müssen sie es richtig machen.
Die nächsten Jahre versprechen faszinierend im Bezug auf die Beziehung zwischen Banken und Blockchain zu werden. Vielleicht wird Banking zu einer App - für die mit einer Krypto-Wallet ist es das ja bereits.
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