Interview mit Matthias von Hauff, CEO der WEG Bank: Warum kooperiert eine Bank mit Krypto-Dienstleistern?

Die in der bayerischen Gemeinde Ottobrunn ansässige WEG Bank AG mit einer Bilanzsumme von rund 90 Millionen Euro wäre in der Krypto-Welt vermutlich gar nicht bekannt, wenn sich eine überraschende Nachricht nicht im Netz verbreitet hätte. Die deutsche WEG Bank öffnet sich Schritt für Schritt für Unternehmen aus der Kryptoszene – fast 25 Prozent der WEG Bank sind mittlerweile im Besitz von TokenPay Swiss AG, der Litecoin Foundation und seit neuestem auch Nimiq.

Das auf sichere Zahlungen spezialisierte Schweizer Blockchain-Startup TokenPay war das erste Krypto-Unternehmen, das im Mai 2018 Anteile am Eigenkapital der Bank erwarb. Der Einstieg bei der auf Wohnungseigentümergemeinschaften (WEG) spezialisierten Bank ging auf eine Initiative der WEG Bank selbst zurück, die ihren Kunden auch Fintech-Lösungen anbieten wollte.

Zwei Monate später kam die Litecoin Foundation in einem entsprechenden Schritt mit den Stakeholdern der Bank in Kontakt. Mit seinem Post verdeutlichte Charlie Lee, Gründer von Litecoin Foundation, dass die Stiftung “kein Geld für ihre Anteile an der Bank bezahlt” habe – das Unternehmen hat einen Anteil von 9,9 Prozent von TokenPay bekommen. Das war eine Gegenleistung dafür, dass die Litecoin Foundation TokenPay in Sachen Marketing und Technologie geholfen hatte.

Letzte Woche gab auch der Browser-basierte Blockchain-Zahlungsdienst Nimiq eine Zusammenarbeit mit der WEG Bank bekannt, um die Entwicklung einer Infrastruktur für die Konvertierung von Krypto-zu-Fiat für Bankkunden zu unterstützen.

Insgesamt besitzen die drei Unternehmen 24,9 Prozent der WEG Bank: Litecoin Foundation – 7,5 Prozent, TokenPay – 7,5 Prozent und Nimiq – 9,9 Prozent. Dass Litecoin und TokenPay Anteile in Höhe von 9,9 Prozent bekommen haben, wie in Medien bereits berichtet wurde, stimmt, trotz der oben genannten Zahlen, allerdings tatsächlich. Im Frühjahr 2018 hat TokenPay 9,9 Prozent der Bank erworben. Dann hat das Unternehmen weitere 9,9 Prozent der Litecoin Foundation gegeben. Diesen erhielt die Stiftung allerdings, wie bereits erwähnt, nicht gegen Geld, sondern gegen Dienstleistungen. Ende 2018 wurde das Eigenkapital der WEG Bank erhöht, womit die prozentualen Anteile von TokenPay und Litecoin Foundation auf 7,5 Prozent sanken.

Es ist kein Zufall, dass die Anteile aller drei Unternehmen auf 9,9 Prozent begrenzt sind. Nach deutschem Recht ist eine Beteiligung an einer Bank, die unter 10 Prozent liegt, von der Prüfungspflicht der Bankenaufsicht ausgenommen.

Was planen aber TokenPay, Litecoin und Nimiq mit der WEG Bank und was sind die Ziele dieser Partnerschaften? Wird aus der traditionellen deutschen Bank eine Krypto-Bank entstehen? Oder will die WEG Bank Eigentumsanteile per Blockchain dokumentieren? Diese Fragen hat “Cointelegraph auf Deutsch” an Matthias von Hauff, dem CEO der WEG Bank AG, gestellt.

Cointelegraph auf Deutsch: Die WEG Bank will ihre Partnerschaften mit den Krypto-Unternehmen TokenPay, Litecoin, Nimiq ausbauen. Welche Strategie verfolgen Sie damit?

Matthias von Hauff: Ich versuche, das Wort „Krypto“ zu vermeiden, da es meiner Ansicht nach durch viele verwirrende Meldungen in den Medien bereits mit einer starken Konnotation behaftet ist. Unser Haus sieht in der wachsenden Verbreitung von digitalen Währungen eine große Chance, da sich hier nach einem gewissen Anfangs-Hype nun eine zunehmend professionalisierte neue Klasse von Anlageinstrumenten und Zahlungsverkehrsdiensten etabliert. Gerade gestern [am 9. April] war ich auf einer Messe für Bankprodukte in Münster. Selbst die üblicherweise sehr konservativen Volks- und Raiffeisenbanken werden in absehbarer Zeit mit Produkten für digitale Währungen an den Markt gehen. Durch unsere Kooperation mit strategischen Partnern wie TokenPay, Litecoin und Nimiq sind wir direkt am Puls der neuesten Entwicklungen.

“Unser Haus sieht in der wachsenden Verbreitung von digitalen Währungen eine große Chance.”

CT: Was sind die Pläne der WEG Bank bei der Zusammenarbeit mit diesen Unternehmen – TokenPay, Litecoin und Nimiq?

MH: Für alle unsere Kooperationen mit Unternehmen aus der Szene der digitalen Währungen gilt eine Gemeinsamkeit: Wir wollen eine nahtlose Brücke zwischen digitalen Währungen und traditionellen Währungen bauen. Unser Ziel ist es, eine Integration der beiden Welten zu erreichen. Stellen Sie sich vor, Sie sind in den USA im Urlaub und wollen an der Tankstelle bezahlen. Gegenwärtig würden Sie wahrscheinlich eine Kreditkarte verwenden und am Terminal der Tankstelle entscheiden können, ob Sie in Euro oder in US-Dollar zahlen wollen. Wir wollen, dass Sie künftig ebenso in Bitcoin (BTC), Litecoin (LTC), TokenPay (TPAY), Nimiq (NIM) oder einer anderen digitalen Währung zahlen können, egal ob dies mit einer Kreditkarte oder zum Beispiel Ihrem Smartphone erfolgt.

“Wir wollen eine nahtlose Brücke zwischen digitalen Währungen und traditionellen Währungen bauen.”

Auf die einzelnen Kooperationen möchte ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht eingehen, da die in Entwicklung befindlichen Projekte noch nicht reif sind, kommentiert zu werden. Ich kann an dieser Stelle jedoch bereits ankündigen, dass wir eine durch Nimiq entwickelte, revolutionäre Schnittstelle anbieten werden: OASIS (Open Asset Swap Interaction Scheme) wird die von uns angestrebte Integration von traditionellem Banking und digitalen Währungen erfüllen. Wir gehen fest davon aus, dass OASIS noch dieses Jahr auf den Markt kommen wird.

CT: Welche Vorteile kann die WEG Bank als traditionelles Finanzinstitut aus diesen Partnerschaften schöpfen?

MH: In der gegenwärtigen Phase niedriger Zinsen sind Banken auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen. Die WEG Bank AG sichert sich eine Rolle als Vorreiter, gewissermaßen als WEGbereiter, wenn Sie mir das Wortspiel erlauben. Unser Motto „Immer einen Schritt voraus“ ist keine hohle Marketing-Phrase. Es ist vielmehr die Mission, die uns antreibt. Wir wollen auf eine derart spannende Entwicklung nicht passiv reagieren, sondern wollen sie aktiv mitgestalten. Hierzu befinden wir uns auch in konstanter, enger Abstimmung mit der Bankenaufsicht.

CT: Ihre Bank spezialisiert sich auf Kunden aus der Immobilienwirtschaft. Wie wollen Sie die klassische Immobilienbranche mit Kryptowährungen bzw. Blockchain zusammenbringen?

MH: Unser Haus entstammt der traditionellen Wohnungswirtschaft. Allerdings war auch hier von Beginn an der Antrieb, neue Wege zu gehen. Wir haben zu einer Zeit Kredite für Wohnungseigentümergemeinschaften (WEGs) vergeben, als die meisten Banken in Deutschland noch immer der Meinung waren, dass dies gar nicht möglich sei. Unser Anspruch war damals wie heute innovativ zu sein, neue Produkte zu gestalten und da zu helfen, wo andere zaudern. Das ist uns gelungen. Wir haben uns in unserem wohnungswirtschaftlichen Bereich die Marktführerschaft gesichert und halten daran auch unvermindert fest. Wir werden im Bereich der Wohnungswirtschaft auch in Zukunft weiterwachsen. Produktseitig ergeben sich in unserem Haus derzeit keine Überschneidungen der beiden Welten. Es handelt sich aus unserer Sicht um zwei völlig getrennte Geschäftsbereiche.

CT: Gibt es regulatorische Hürden für eine traditionelle deutsche Bank, die sich in diesen Innovationsbereich vorwagt und mit Krypto-Unternehmen kooperiert?

MH: Im Bereich der digitalen Währungen sehen wir uns als Dienstleister für innovativen Zahlungsverkehr. Ich möchte einem möglichen Missverständnis in aller Klarheit vorbeugen: Die WEG Bank AG ist und wird keine „Krypto-Bank“. Wir selbst halten keine digitalen Währungen und wir planen auch keine digitale Währung aufzulegen.

“Die WEG Bank AG ist und wird keine „Krypto-Bank“. Wir selbst halten keine digitalen Währungen und wir planen auch keine digitale Währung aufzulegen.”

Unser Fokus ist streng auf die traditionellen Währungen ausgerichtet. Wir sehen unsere Rolle vielmehr als eine Art Zulieferer. Wenn Person A in einem Ladengeschäft etwas kauft und in digitaler Währung, zum Beispiel Bitcoin, bezahlt und der Ladeninhaber aber Euro wünscht, dann muss schließlich irgendeine Form von Zahlungsweg entstehen, so wie das auch bei US-Dollar und Euro der Fall wäre. Hier kommen wir ins Spiel. Wir stellen eine regulatorisch saubere und technisch sichere Infrastruktur zur Verfügung, die eine reibungslose Abwicklung des erforderlichen Zahlungsverkehrs zwischen digitaler und traditioneller Währung ermöglicht. Als CRR Kreditinstitut verfügen wir bereits über alle für den Zahlungsverkehr erforderlichen Zulassungen.

CT: Werden TokenPay, Litecoin und Nimiq durch die Anteilsübernahmen über die deutsche Banklizenz verfügen und damit Zugriff auf das europaweite SEPA-Überweisungsverfahren erhalten?

MH: Die Banklizenz ist einzig bei der Bank. Keiner der Partner wird durch sein Investment selbst über eine Banklizenz verfügen.

CT: Erklären Sie bitte, wie die Kooperation zwischen der WEG Bank und Nimiq (bzw. zwischen der WEG Bank und Litecoin/TokenPay) technisch umgesetzt wird? Kommen dafür bestimmte Programme/Dienste zum Einsatz?

MH: Über technische Details kann ich gegenwärtig leider noch keine Auskunft geben, da wir uns hier derzeit in Abstimmung mit der Bankenaufsicht befinden. Ich möchte ungerne den anstehenden Gesprächen vorgreifen.

CT: Der Litecoin-Gründer Charlie Lee gab noch im Juli bekannt, dass er für sich selbst eine Position im Vorstand der WEG Bank erwarte. Was halten Sie davon?

MH: Hier geistert immer wieder eine Meldung durch die Medien, die so schlicht nicht korrekt ist. Daher freue ich mich über die Möglichkeit, hier persönlich Folgendes richtig stellen zu können: Ich habe Charlie Lee eingeladen, Mitglied eines von uns geplanten “Advisory Board” zu werden. Der Begriff “Advisory Board” wurde in den Medien vermutlich durch Flüsterpost auf “Board” verkürzt und dann auch noch falsch mit “Vorstand” übersetzt. Charlie Lee ist ein wertvoller und hervorragender Berater für uns.

CT: Vor kurzem hat das Blockchain-Startup Brickblock die erste EU-Immobilie per Tokenisierung auf die Blockchain gebracht. Planen Sie etwas Ähnliches?

MH: Die Möglichkeit, eine beliebige Wertanlage auf die Blockchain zu bringen, ist sicherlich eines der spannenden Themen in diesem Bereich insgesamt. Aufgrund der minimalen Transaktionskosten können sich Anleger künftig an Projekten beteiligen, die bislang eher dem vermögenden Klientel vorbehalten waren. Sofern solche Emissionen professionell und seriös vollzogen werden, sehe ich hier einen wertvollen Beitrag der Blockchain-basierten Geldanlage zur sozialen Gerechtigkeit. Wir selbst werden solche Tokenisierungen auf absehbare Zeit nicht vornehmen. Ich kann Ihnen aber bereits verraten, dass wir eng mit einem neuen Partner – nämlich CPI Technologies GmBH – kooperieren. Mit Hilfe der marktführenden Blockchain-Kompetenz von CPI wird die Tokenisierung bald auch Teil unseres Ökosystems sein.

CT: Wie schätzen Sie die zukünftige Zusammenarbeit von Banken und Kreditinstituten mit Unternehmen aus dem Krypto-Bereich ein? Ist eine Annäherung möglich?

MH: Ich denke, wir sind das lebende Beispiel für die Annäherung, die bereits voll im Gange ist.