Blockchain und Wiens Weg zur digitalen Hauptstadt – Interview mit Ulrike Huemer, CIO der Stadt Wien

Österreich ist Vorreiter bei Projekten, die digitale Technologien zur Verbesserung verschiedener Lebensbereiche einsetzen, wie zum Beispiel für die digitale Stadt, zur nachhaltigen Energieversorgung und bei der Unterstützung von Menschen im Alter. Hauptstadt Wien gilt dabei als eine der innovativsten Städte in Europa. Die Bevölkerung profitiert von zahlreichen, digitalen Lösungen, die leicht zugänglich sind und von jedem genutzt werden können. Die Bürger Wiens werden so direkt in den Digitalisierungsprozess und in die Stadtplanung einbezogen.

Um neuen digitalen Technologien und Kanälen zum Durchbruch zu verhelfen, entwickelt die Hauptstadt der Alpenrepublik seit 2014 die Rahmenstrategie “Smart City Wien”, die die Lebens- und Teilhabemöglichkeiten aller Menschen ins Auge fasst. Im Mittelpunkt der Smart-City-Strategie Wiens steht aber nicht allein die Faszination für smarte Technologien, vielmehr ging es von Anfang auch darum, soziale Innovationen umzusetzen und die Stadt bürgerfreundlicher und nachhaltiger zu gestalten. Die Technik soll den Menschen dienen – heutigen wie zukünftigen Generationen.

Jeder Aspekt der Rahmenstrategie und die darin genannten Themenbereiche (wie zum Beispiel Energie, Mobilität, Gebäude und Infrastruktur im Bereich der Ressourcen) wird in dem Dokument durch ganz konkret definierte Ziele untermauert. Insgesamt werden 38 konkrete Ziele bis 2050 anvisiert, die in verschiedenen zeitlichen Horizonten bis 2025, 2030 und schließlich 2050 umgesetzt werden sollen.

Dabei spielt die Blockchain-Technologie eine wichtige Rolle. So wurde diese zunächst für die Notarisierung von Open-Government-Daten angewandt, dann folgte testweise die Vergabe von Essensmarken an Mitarbeiter über ein Blockchain-System. Unterdessen forscht Wien Energie schon seit geraumer Zeit an der Nutzung der Blockchain-Technologie für die dezentrale, unkomplizierte Abwicklung von Transaktionen in der Energiewirtschaft. Des Weiteren arbeitet die österreichische Hauptstadt auch an einem Blockchain-basierten Token, der Teil eines Anreizsystems sein soll.

Wie wird die Blockchain weiter in das Konzept der “Smart City Wien” integriert? Bekommt die Stadt Wien eine eigene Kryptowährung? Und warum hat der Digitalisierungsprozess in Wien so großen Erfolg? Diese und weitere Fragen beantwortet uns Ulrike Huemer, die IT-Leiterin der Stadt Wien, im Interview mit “Cointelegraph auf Deutsch”.

Smart City Wien - vernetzt und digital

Cointelegraph auf Deutsch: Wie stellen Sie sich Wien als vollwertige Smart City vor?

Ulrike Huemer: Wien punktet in zahlreichen Ranglisten mit einer ausgereiften integrierten Smart-City-Strategie, die auch in konkreten Projekten umgesetzt wird und ein regelmäßiges Monitoring durchläuft. Das Besondere an unserer Strategie ist der ganzheitliche Ansatz – das ist auch unser wichtigstes Zukunftsbild für eine vollwertige Smart City Wien. Wien will nicht nur allein durch technologische Innovationen smart sein, besonders soziale Innovationen und Ressourcenschonung gehören zum smarten Wien. Schlussendlich geht es darum, allen Bürgerinnen und Bürgern die beste Lebensqualität zu bieten. Um diese Ziele zu erreichen, sind die Involvierung der stadtinternen Einheiten und Kräfte sowie eine übergreifende Kooperation mit den verbundenen Unternehmen der Stadt Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Transformation.

“Schlussendlich geht es darum, allen Bürgerinnen und Bürgern die beste Lebensqualität zu bieten.”

Nicht nur für die Bevölkerung, sondern auch stadtintern wird eine klare Identität und Positionierung innerhalb und außerhalb der Stadt vorgenommen. Dazu gehört auch eine gezielte forschungs- und technologiepolitische Schwerpunktsetzung der Stadt und eine breite Einbindung der Bevölkerung, der Industrie, der Forschung und der Wiener Unternehmen in den Prozess. Das Ranking von Roland Berger nennt unter anderem das fortschrittliche E-Health-System, die offenen Verwaltungsdaten, sowie innovative Lösungen in den Bereichen Mobilität, Umwelt und Bildung als ausschlaggebend für die Top-Platzierung Wiens. Darauf aufbauend wollen wir unsere Smart City Wien in der Zukunft weiterentwickeln.

CT: Wie gut aufgestellt ist Österreich, was das Konzept der Smart City betrifft? Hat Österreich dafür eine gute Ausgangslage?

UH: Österreich ist aufgrund vieler Rahmenbedingungen der öffentlichen Infrastruktur gut aufgestellt, um die künftigen Herausforderungen zu meistern. Das Konzept der Smart City kann dafür ein wichtiges Schlüsselelement sein. Vor allem kommt es dabei auf die Umsetzung und die Kooperation mit allen relevanten Akteuren an. Zum Beginn der Auseinandersetzung mit dem Thema Smart City muss sichergestellt werden, dass durch einen breiten Prozess Akzeptanz geschaffen wird. Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft müssen im Dialog mit der Stadtverwaltung die Möglichkeit bekommen, ihre Interessen einbringen zu können, um das Bild einer Zukunft zu zeichnen, die für alle erstrebenswert ist. Durch die Einbindung aller Interessensgruppen kann gleichzeitig die Ganzheitlichkeit der Strategie sichergestellt werden. Schließlich braucht es zur Verankerung einer solchen Agenda politische Unterstützung und einen Evaluierungsprozess, der Erfolge und Potentiale sichtbar macht.

CT: Die Umsetzung einer Smart City kostet enorm viel Geld. Wer soll die Kosten für die notwendigen Digitalisierungsmaßnahmen tragen?

UH: Die Frage ist so direkt nicht zu beantworten. Fakt ist, dass die Stadt Wien für die aktuellen smarten Ansätze derzeit über kein Extrabudget verfügt. Es müssen deshalb die bestehenden Budgets der einzelnen Dienststellen und Akteure herangezogen werden, die von sich aus versuchen, ihre hoheitliche Arbeit innovativ zu gestalten. Des Weiteren werden extra Fördergelder, etwa von EU-Ebene oder aus nationaler Kofinanzierung, eingesetzt. Damit konnten in den letzten Jahren Investitionsvolumen von ca. 15 bis 20 Millionen Euro zusätzlich nach Wien gebracht werden.

Blockchain-Lösungen für die Stadt der Zukunft

CT: Welche Rolle spielt die Blockchain-Technologie im Rahmen der Smart City Wien?

UH: Die Stadt Wien hat sich proaktiv mit der Blockchain-Technologie beschäftigt. Wir wollen mit Hilfe dieser Technologie die Digitalisierung der Stadt und die damit einhergehenden Leitmotive Transparenz, Offenheit, Vertrauen und Bürgerbeteiligung vorantreiben.

Wir haben uns entschlossen, die Technologie für eigene Prozesse zu nutzen, die Entwicklung proaktiv mitzugestalten und ein Vorantreiben zu unterstützen. Wir waren von Anfang an überzeugt, dass wir die Potenziale der Blockchain-Technologie nur nach dem Prinzip „Learning by doing“ austesten können. Deshalb haben wir Pilotprojekte durchgeführt, die wir erfolgreich umsetzen konnten. Vorrangiges Ziel bei den Pilotprojekten war es jedenfalls, die nötige Expertise innerhalb der Stadtverwaltung und in unserer IKT-Abteilung, die Magistratsabteilung  01 – Wien Digital, aufzubauen.

“Wir waren von Anfang an überzeugt, dass wir die Potenziale der Blockchain-Technologie nur nach dem Prinzip „Learning by doing“ austesten können.”

Durch die DigitalCity.Wien-Blockchain.Initiative vernetzen wir Schwerpunktbereiche wie Identity, Bildung und Forschung mit der Blockchain-Community in Wien und stärken dadurch sowohl die Stakeholder als auch die Blockchain Location Wien.

CT: Die Stadt Wien setzt auf Open Data und E-Government für ihre Bürger. Inwiefern wird die Verwaltung durch die Blockchain verbessert?

UH: Im Dezember 2017 wurde eine bis dahin im europäischen Raum einzigartige Lösung publiziert, bei der Open-Government-Data (OGD) mithilfe der Blockchain abgesichert wird. Bei diesem 1. Blockchain-Piloten der Stadt Wien „Open Data – Notarisierung“ stand der Wissenserwerb der Blockchain-Technologie im Vordergrund. Die Prüfsummen von OGD der Stadt Wien werden dabei in öffentlichen Blockchains abgelegt und können von der interessierten Öffentlichkeit abgerufen werden. Jeder kann somit die Authentizität und Historie der Daten, unabhängig von einer zwischengeschalteten Institution, selbst einsehen und prüfen.

Die Lösung ist mittlerweile produktiv im Einsatz und wird in den nächsten Wochen auf alle Datensätze der österreichischen Verwaltung, die sich auf dem österreichischen Datenportal befinden, ausgeweitet.

CT: Wien Energie forscht aktiv an der Nutzung der Blockchain-Technologie und arbeitet zusammen mit der Stadt Wien an Smart-City-Energiekonzepten. Welche gemeinsamen, innovativen Blockchain-Lösungen für eine smarte und nachhaltige Energieversorgung können Sie schon nennen?

UH: Blockchain-unterstützte Anwendungen ermöglichen erstmalig eine Skalierung neuartiger Energiesparmaßnahmen. Ein Beispiel sind die „Grätzlnetzwerke“ (Microgrids), in denen Stromerzeuger und Abnehmer auf kürzestem Wege und mit geringsten Energieverlusten Strom austauschen können. Kosten- und energieintensive Netzerweiterungen können somit vielerorts verhindert werden.

Wir erproben auch Strom-Sharing per Blockchain im Stadtentwicklungsgebiet “Viertel Zwei”. Dort entwickeln wir eine Blockchain-Infrastruktur und verbinden sie mit den vorhandenen Energieanlagen.  

CT: Die Stadt Wien setzt – in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut für Kryptoökonomie der WU Wien – im Rahmen der Stadtplanung (“City Token Initiative”) auf Blockchain. Könnten Sie uns mehr über das Projekt erzählen?

UH: Wer sich engagiert, der profitiert. Nach diesem Motto möchte die Stadt Wien in einer ersten Pilotphase die Reduktion von CO2-Werten attraktiv machen und gleichzeitig den Zugang zu Kunstgenuss erleichtern. Das soll der sogenannte „Kultur-Token“ ermöglichen. Und so soll das Wiener Token-System funktionieren: Wer beispielsweise auf das eigene Auto verzichtet und stattdessen Wege zu Fuß erledigt, und somit Schritte sammelt, erhält dafür Tokens als Prämie. Diese Kultur-Token können anschließend für Theaterkarten, etwa für das Volkstheater, oder für einen Museumsbesuch im Wien Museum eingetauscht werden.

“Wer sich engagiert, der profitiert. <...> Das soll der sogenannte “Kultur-Token” ermöglichen.”

CT: Wie werden diese Kultur-Token genau aussehen?

UH: Der Kultur-Token existiert nur digital – etwa auf Smartphones und Tablets. Er wird als offenes Bonus- und Vorteilssystem konzipiert und versteht sich bewusst als Gegenentwurf zu Sozialkredit-Systemen, wie sie gerade in China erprobt werden. Die Stadt Wien will zeitgemäße Technik ausschließlich zum Vorteil seiner Bürger anwenden. Belohnt werden könnte daher in Zukunft  aber auch, wer für die Stadt Wien Freiwilligenarbeit leistet und beispielsweise ehrenamtlich für ein Wiener Bezirksmuseum arbeitet. Als Bonus gäbe es wiederum Token, die man für einen Familiennachmittag im Schwimmbad verwenden kann. Damit würde aus dem Kultur-Token ein spartenübergreifender Wien-Token werden, was auch das langfristige Ziel des Projekts ist.

CT: Gibt es noch weitere Pläne, wie man die Blockchain-Technologie im Zusammenhang mit Smart City Wien einsetzen könnte?

UH: Wir wollen als Erkenntnis des Piloten „Open Data-Notarisierung“ in Kooperation mit anderen Partnern einen Zeitstempel- und Notarisierungsservice für vielfältige Anwendungen umsetzen. Dadurch können wir beispielsweise die Notarisierung von Daten und Dokumenten der Stadt vornehmen oder „Machine Learning“ unterstützen. Ein weiteres Thema, mit dem wir uns beschäftigen, ist Self-Sovereign-Identity, wo es darum geht, die eigenen digitalen Daten oder Profile selbst verwalten und kontrollieren zu können. Weitere Anwendungsgebiete der Blockchain-Technologie könnten für uns das Verbinden von Devices mit Blockchain (zum Beispiel IoT) oder Logistikketten sein.

CT: Wird die Stadt Wien ihre eigene Kryptowährung entwickeln?

UH: Nein, da sind wir als Stadt in der Beobachterrolle. Möglicherweise wird die Blockchain-Technologie aber im Zahlungsverkehr genutzt werden, wodurch Überweisungen in Sekundenschnelle getätigt werden könnten.

In Dialog treten

CT: Welche Rolle werden die großen Technologiekonzerne zukünftig in der Stadt Wien spielen? Ist die vernetzte Smart City nicht auch ein lukratives Modell, um mithilfe von Blockchain, KI, IoT und Big Data noch mehr Kaufanreize zu generieren?

UH: Die Stadt Wien pflegt einen intensiven und kontinuierlichen Wissensaustausch mit allen Partnern, selbstverständlich auch mit allen Technologieunternehmen. Das Konzept der Smart City bietet hier einen guten Rahmen, durch neue technologische Möglichkeiten, Kooperationen zu stärken und für die Qualität in der Stadt zu arbeiten.

Wir wollen mit der DigitalCity.Wien-Initiative die Stadt Wien zu einem der führenden digitalen Hotspots Europas ausbauen und diesen auch als solchen nach innen und außen hin positionieren und vermarkten. DigitalCity.Wien ist ein Community-Format und offen für alle Interessierten. Regelmäßige Austauschformate und Events dienen der Vernetzung und Abstimmung unterschiedlicher Akteure aus dem digitalen Ökosystem. Etablierte Unternehmen sowie kreative Köpfe aus der Startup-Szene treten hier gemeinsam in Dialog mit Stadtverwaltung, öffentlichen Einrichtungen, Wissenschaft und Bildung.

“Wir wollen mit der DigitalCity.Wien-Initiative die Stadt Wien zu einem der führenden digitalen Hotspots Europas ausbauen und diesen auch als solchen nach innen und außen hin positionieren und vermarkten.”

CT: Welcher Förderprogramme bedarf es von staatlicher Seite, damit die Stadt Wien sich im globalen Blockchain-Wettbewerb auch in Zukunft behaupten kann?

UH: Wien will auch in Zukunft die Kooperation mit allen relevanten Partnern in diesen Themenfeldern stärken und vor allem inhaltliches Know-how nach Wien bringen und in Wien behalten. Ein Beispiel dafür ist das Austrian Blockchain Center, ein COMET K1 Research Center, das in Wien aufgebaut wird und gefördert wird. Derartige Initiativen, entsprechende Förderungen auch von staatlicher Seite und die Kooperation mit den Unternehmen vor Ort sind essentiell, um zukünftige Projekte umzusetzen.