Alfred Taudes vom Austrian Blockchain Center: Facebook Libra betrifft primär Zahlungsdienstleister und Fintechs

Die Vorstellung des Whitepapers von Facebooks Krypto-Projekt Libra für eine globale digitale Kryptowährung hat nicht nur in der Krypto-Szene für viel Unruhe gesorgt. Während etwa die Kryptobörse Binance der geplanten Kryptowährung positiv gegenübersteht und sogar eine Teilnahme als Knotenpunkt plant, hagelt es vor allem seitens  Politik und von Aufsichtsbehörden Kritik und Warnungen Richtung Facebook. 

So hat in den USA der parlamentarische Ausschuss für Finanzdienstleistungen Facebook zu einem vorübergehenden Stopp von Libra aufgefordert, eine ähnliche Forderung hatten zuvor auch mehr als 30 US-Lobbyverbände formuliert. In anderen Ländern wie Frankreich, Deutschland, Russland und Singapur stößt Libra bislang ebenfalls auf wenig Gegenliebe.

Um etwas Licht ins Dunkel zu bringen, haben wir acht renommierte Krypto-Experten aus dem deutschsprachigen Raum nach ihrer Einschätzung zu Facebook Libra befragt. Im sechsten Teil verrät der Koordinator des Austrian Blockchain Centers in Wien Prof. Alfred Taudes, was er von Facebook Libra hält.

Cointelegraph auf Deutsch: Was halten Sie von Facebooks Libra?

Alfred Taudes: Das ist ein interessanter neuer Ansatz,der zeigt, dass die Blockchain-Technologie auf dem Weg von einer Phase der Suche nach Mainstream-Anwendungen in die Phase des Echteinsatzes ist.

CT: Könnte das Projekt von Facebook langfristig möglicherweise mehr schaden als nützen?

AT: Ich denke nicht. Mit Libra geht Facebook in neue Geschäftsfelder, und wenn Facebook sein Versprechen der Pseudo-Anonymität hält, sollte ein Mißerfolg von Libra dem übrigen Geschäft von Facebook nicht schaden.

CT: Welche Vorteile hat das Projekt und welche Implikationen für das Finanzsystem ergeben sich aus der Einführung einer solchen Digitalwährung?

AT: Angesichts der großen Anzahl an Facebook-Nutzern kann das Projekt Netzwerkeffekte generieren und zu einem ernsthaften Konkurrenten für Zahlungsdienstleister, Fintechs und Kreditkartenunternehmen werden. Auch die Regulatoren sind gefordert.

Außerdem werden durch das Projekt Kryptowährungen "salonfähig", auf der Seite der Nutzer sollten internationale Geldüberweisungen billiger und effizienter werden. 

CT: Welche gesellschaftlichen und politischen Folgen wird Libra haben?

AT: Jedenfalls hat das Projekt jetzt schon die etablierte Finanzwelt aufgeschreckt, zum Vorteil der Kunden, die von mehr Konkurrenz profitieren werden. Problematisch wird das Ganze, falls Facebook zu einer dominanten Weltbank wird, und – entgegen den Beteuerungen im Whitepaper – die personenbezogenen Daten im sozialen Netzwerk mit Finanztransaktionsdaten kombiniert – das wäre ein Orwellscher Albtraum.

CT: Könnte Libra Bitcoin als wichtigste Kryptowährung ablösen?

AT: Nein, Bitcoin ist ein offenes System mit beschränkter Geldmenge, während Libra den Zugang reguliert, den Kurs an einen Warenkorb bindet und Preisstabilität anstrebt.

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