Fabian Schär von der Uni Basel: Facebook Libra kann für Zentralbanken zum Problem werden

Die Vorstellung des Whitepapers von Facebooks Krypto-Projekt Libra für eine globale digitale Kryptowährung hat nicht nur in der Krypto-Szene für viel Unruhe gesorgt. Während etwa die Kryptobörse Binance der geplanten Kryptowährung positiv gegenübersteht und sogar eine Teilnahme als Knotenpunkt plant, hagelt es vor allem seitens  Politik und von Aufsichtsbehörden Kritik und Warnungen Richtung Facebook. 

So hat in den USA der parlamentarische Ausschuss für Finanzdienstleistungen Facebook zu einem vorübergehenden Stopp von Libra aufgefordert, eine ähnliche Forderung hatten zuvor auch mehr als 30 US-Lobbyverbände formuliert. In anderen Ländern wie Frankreich, Deutschland, Russland und Singapur stößt Libra bislang ebenfalls auf wenig Gegenliebe.

Um etwas Licht ins Dunkel zu bringen, haben wir acht renommierte Krypto-Experten aus dem deutschsprachigen Raum nach ihrer Einschätzung zu Facebook Libra befragt. Nach Prof. Alexander Denzler von der Hochschule Luzern, Blockchain-Influencer Robert Schwertner (CryptoRobby) und Dr. Daniel Diemers von PwC/Strategy&, verrät in Teil vier Prof. Dr. Fabian Schär, Leiter des Center for Innovative Finance der Uni Basel, was er von Facebook Libra hält.

Cointelegraph auf Deutsch: Was halten Sie von Facebooks Libra?

Fabian Schär: Das Konzept ist durchaus interessant, sollte aber nicht in einem Kontext mit offenen und zensur-resistenten Blockchains, wie der Bitcoin-Blockchain, genannt werden. Libra liegt näher bei PayPal als bei Bitcoin.

CT: Könnte das Projekt von Facebook langfristig möglicherweise mehr schaden als nützen?

FS: Dies hängt meiner Meinung nach sehr stark von den regulatorischen Entscheidungen ab. Sollte das Projekt abgenickt werden, dürfte die Wahrscheinlichkeit gross sein, dass Facebook stark davon profitiert. Die öffentliche Diskussion und der politische Diskurs könnten aber die Angst vor einem dominanten Tech-Riesen weiter anfeuern und insofern negative Konsequenzen für Facebook haben. Spannend werden insbesondere die Reaktionen von Amazon, Google und Apple sowie jene der Banken sein.

CT: Wie schätzen sie die Erfolgsaussichten des Libra-Projektes ein?

FS: Der Erfolg dürfte stark durch die Integration in WhatsApp und andere Plattformen beflügelt werden. Diese Vorgehensweise könnte es Facebook ermöglichen, die erfolgreichen Super-App-Modelle aus China für den westlichen Markt zu replizieren.

CT: Welche Vorteile hat das Projekt und welche Implikationen für das Finanzsystem ergeben sich aus der Einführung einer solchen Digitalwährung?

FS: Eine digitale Währung birgt viele Effizienzvorteile. Fraglich ist hingegen, ob es sinnvoll ist, wenn diese durch private Unternehmen ausgegeben werden.

CT: Welche gesellschaftlichen und politischen Folgen wird Libra haben? 

FS: Ich gehe davon aus, dass durch das Projekt die Diskussion um Anonymität und Datenschutz in Zahlungssystemen neu lanciert wird. Man wird sich gesellschaftlich unweigerlich die Frage stellen müssen, wie viel Macht auf Unternehmen bzw. Konsortien übertragen werden soll. 

Zudem sehe ich Libra als eine unmittelbare Bedrohung für kleinere Zentralbanken. Langfristig könnten solche Projekte aber auch für große Zentralbanken zum Problem werden. Es wäre zum Beispiel durchaus denkbar, dass sich Libra irgendwann von der Anbindung an einen Währungskorb verabschiedet und selbst zu einer Organisation mit Zentralbank-Charakter wird.

CT: Könnte Libra Bitcoin als wichtigste Kryptowährung ablösen?

FS: Libra ist keine Kryptowährung im Sinne von Bitcoin. Das System ist weder offen noch zensur-resistent. In der Calibra-Wallet wird der User noch nicht mal seinen privaten Schlüssel sehen – insofern tue ich mich schwer Libra als Kryptowährung zu bezeichnen.