Julian Hosp: Facebook Libra könnte in Entwicklungsländern zu Revolutionen führen

Die Vorstellung des Whitepapers von Facebooks Krypto-Projekt Libra für eine globale digitale Kryptowährung hat nicht nur in der Krypto-Szene für viel Unruhe gesorgt. Während etwa die Kryptobörse Binance der geplanten Kryptowährung positiv gegenübersteht und sogar eine Teilnahme als Knotenpunkt plant, hagelt es vor allem seitens  Politik und von Aufsichtsbehörden Kritik und Warnungen Richtung Facebook. 

So hat in den USA der parlamentarische Ausschuss für Finanzdienstleistungen Facebook zu einem vorübergehenden Stopp von Libra aufgefordert, eine ähnliche Forderung hatten zuvor auch mehr als 30 US-Lobbyverbände formuliert. In anderen Ländern wie Frankreich, Deutschland, Russland und Singapur stößt Libra bislang ebenfalls auf wenig Gegenliebe.

Um etwas Licht ins Dunkel zu bringen, haben wir acht renommierte Krypto-Experten aus dem deutschsprachigen Raum nach ihrer Einschätzung zu Facebook Libra befragt. Nach Prof. Alexander Denzler von der Hochschule Luzern, Blockchain-Influencer Robert Schwertner, Dr. Daniel Diemers von PwC/Strategy& und Fabian Schär von der Uni Basel, verrät Krypto-Experte Julian Hosp in Teil fünf, was er von Facebook Libra hält.

Cointelegraph auf Deutsch: Was halten Sie von Facebooks Libra?

Julian Hosp: Ich glaube, dass Facebooks Krypto-Projekt eine gute und offene “On-Ramp” für dezentrale Währungen bringt. Viele Leute werden Facebooks Libra-Coin nutzen. Libra gibt Kryptowährungen eine gewisse Legitimität und ich glaube, dass viele Menschen, die den Wert von Bitcoin sehen, werden dann einerseits den Libra-Coin aber auch Bitcoin nutzen. 

Eines muss man aber sagen: Der Libra-Coin hat nichts mit einer dezentralen Kryptowährung zu tun. Die Privatsphäre geht dort gegen Null und das Thema Überwachung bzw. Datenschutz ist dabei sehr fraglich.

Aber ich denke, dass Libra für das Ökosystem sehr gut ist – auch wenn ich glaube, dass weder ich noch andere Menschen im Krypto-Bereich Libra nutzen werden.

CT: Könnte das Projekt von Facebook langfristig möglicherweise mehr schaden als nützen?

JH: Libra ist kein Facebook-Coin. Libra kommt nicht direkt von Facebook, sondern von der Libra Association, und Facebook hat dort nur 1% der Stimmrechte.  Natürlich könnte Libra Facebook mehr schaden als nützen. Das glaube ich aber persönlich nicht.

CT: Wie schätzen sie die Erfolgsaussichten des Libra-Projektes ein?

JH: Ich halte sie für sehr hoch, vor allem, weil sehr renommierte Firmen dabei sind. Diese haben schon eine gewisse Macht und das Projekt könnte deshalb sehr interessant werden. 

CT: Welche Vorteile hat das Projekt und welche Implikationen für das Finanzsystem ergeben sich aus der Einführung einer solchen Digitalwährung?

JH: Das ist ein heftiges Projekt, weil diese erste globale Coin mehrere Bevölkerungsschichten, Länder, Unternehmen und Kontinente durchdringt. Das ist natürlich etwas, was zu einer Globalisierung des Finanzsystems werden kann.

Und das ist schon ziemlich krass! Libra wird auf den US-Dollar, Euro und auch auf alle instabilen Währungen Druck ausüben. Es würde Milliarden von Menschen, die zur Zeit finanziell unterdrückt sind, neue Möglichkeiten geben. Sie hätten dann immer eine Alternative. Ich halte es für positiv. 

Libra steht aber auch für etwas Negatives. Sollte die Coin von diesen Firmen auf schlechte Art eingesetzt werden, geht unsere Privatsphäre gegen Null. Dann hätten wir ein Big-Brother-System. Das Buch von George Orwell “1984” wäre im Vergleich dazu eine Utopie und keine Dystopie mehr. Das darf man natürlich nie unterschätzen.

CT: Welche gesellschaftlichen und politischen Folgen wird Libra haben? 

JH: Die Politik und die Regulierungsbehörden haben sich noch keine Gedanken über Libra gemacht. Die wurden davon komplett am falschen Fuß erwischt. Ich glaube aber nicht, dass Libra in Europa, Nordamerika und den ganzen Industriestaaten großen Anklang finden wird. In vielen Entwicklungsländern könnte Libra aber zu Revolutionen führen, genauso wie Soziale Medien das getan haben – ähnlich der ganzen Revolutionen, die durch Twitter und andere Social-Media-Dienste in den arabischen Ländern durchgeführt wurden. Da ist natürlich viel möglich.

CT: Könnte Libra Bitcoin als wichtigste Kryptowährung ablösen?

JH: Könnte… Natürlich, kann! Und ich kann mir vorstellen, dass mehr Leute Libra nutzen werden als Bitcoin. Aber ich glaube nicht, dass Libra im Vergleich zu Bitcoin als Kryptowährung wichtiger ist. Als digitale Währung vielleicht, aber nicht als Kryptowährung in dem Sinne, wie wir Kryptowährungen sehen. Bitcoin – als dezentrale Währung, als ultimative und unabhängige “Store of Value” – wird von irgendwas anderes nicht einfach so abgelöst. Und das ist schon machtvoll in diesem Zusammenhang.