Daniel Diemers von PwC: Facebook Libra könnte weltweit größter Finanzdienstleister werden

Die Vorstellung des Whitepapers von Facebooks Krypto-Projekt Libra für eine globale digitale Kryptowährung hat nicht nur in der Krypto-Szene für viel Unruhe gesorgt. Während etwa die Kryptobörse Binance der geplanten Kryptowährung positiv gegenübersteht und sogar eine Teilnahme als Knotenpunkt plant, hagelt es vor allem seitens  Politik und von Aufsichtsbehörden Kritik und Warnungen Richtung Facebook. 

So hat in den USA der parlamentarische Ausschuss für Finanzdienstleistungen Facebook zu einem vorübergehenden Stopp von Libra aufgefordert, eine ähnliche Forderung hatten zuvor auch mehr als 30 US-Lobbyverbände formuliert. In anderen Ländern wie Frankreich, Deutschland, Russland und Singapur stößt Libra bislang ebenfalls auf wenig Gegenliebe.

Um etwas Licht ins Dunkel zu bringen, haben wir acht renommierte Krypto-Experten aus dem deutschsprachigen Raum nach ihrer Einschätzung zu Facebook Libra befragt. Den Auftakt machten Prof. Alexander Denzler von der Hochschule Luzern und der österreichische Blockchain-Influencer Robert Schwertner, auch bekannt als CryptoRobby.

Im dritten Teil erklärt Dr. Daniel Diemers, Partner und Blockchain-Experte bei Strategy&, der globalen Strategieberatung von PwC, wie Libra zur größten Unternehmung der Welt im Bereich Finanzdienstleistungen werden könnte.

Cointelegraph auf Deutsch: Was halten Sie von Facebooks Libra?

Daniel Diemers: Grundsätzlich ist dies eine spannende Entwicklung mit einer sehr umfassenden Relevanz für viele Bereiche unseres täglichen Lebens – wie man an der Vielfalt der 27 teilnehmenden Firmen zum Start von Libra gut sehen kann. Gleichzeitig werden Blockchain-Technologie, Kryptowährungen und sogenannte “Stablecoins“ damit salonfähig, auch wenn das Projekt von Bitcoin und der ursprünglichen Philosophie dieser Kryptowährung weit entfernt ist. 

Betriebswirtschaftlich macht das Projekt Sinn und wurde inhaltlich ja auch seit den ersten Fintech-Diskussionen vor 5-6 Jahren regelmäßig angekündigt: Große Tech-Firmen steigen in den Zahlungsverkehr und das Banking ein. In diesem Fall kombiniert mit mehreren bereits weltweit etablierten Social-Media-Anwendungen. 

Solche Plattformstrategien zielen ja darauf ab, ein möglichst großes und komplettes Ökosystem aufzubauen, so dass Kunden die Synergien darin nutzen und über die Zeit kaum noch darauf verzichten wollen. Diese Strategie wird gerade sowohl von US-amerikanischen Big-Tech-Playern wie Google, Amazon, Facebook, aber auch von den führenden chinesischen Tech-Firmen wie Tencents WeChat oder Jack Mas Alibaba mit Alipay verfolgt.

CT: Könnte das Projekt von Facebook langfristig möglicherweise mehr schaden als nützen?

DD: Dies kann man heute sicher noch nicht abschließend beurteilen. Auf längere Sicht betrachtet, wird Libra volkswirtschaftlich keine größeren Auswirkungen haben. Die neue Kryptowährung ist an einen Fiat-Währungskorb gekoppelt, das heißt, die Geldmenge im Umlauf ändert sich dadurch nicht.  

Alle teilnehmenden Firmen, inklusive Facebook, erhoffen sich aber natürlich eine Ankurbelung des Geschäfts und ich denke dies ist durchaus eine realistische Annahme, da viele heutige Social-Media-Plattformen keine einfachen Zahlungsarten integriert haben. Man muss den "Umweg" über externe Zahlungsverkehrs- oder Kreditkartenanbieter gehen. Dies würde durch eine integrierte Digitalwährung natürlich einfacher. 

Zudem gewinnen die teilnehmenden Firmen eine umfassende Sicht auf die Transaktionen, Zahlungsbereitschaften und Vorlieben der Kunden, was es natürlich ermöglicht, spezifische, maßgeschneiderte Angebote zum "richtigen" Preis für jeden einzelnen Kunden anzubieten – der Traum jedes Ökonomen. Aber auch der Albtraum jedes Datenschützers.

CT: Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten des Libra-Projektes ein?

DD: Da das Projekt noch ganz am Anfang steht, ist es schwer, eine Prognose dazu zu treffen. Entwicklungen und Projekte rund um DLT- und Blockchain-Technologie verlaufen, sind selten linear und stehen regelmäßig vor unvorhergesehenen Hürden oder Komplikationen.

Zudem ist die Komplexität des Projekts hoch, man wird viele Dinge gleichzeitig angehen müssen, während die ganze Welt quasi “zuschaut” und darauf wartet, dass etwas falsch gemacht wird oder nicht funktioniert. Auch die Governance und Entscheidungsfindung ist nicht ganz einfach, wie man bei ähnlichen Projekten gesehen hat. Weder mit den 27 heute noch den anvisierten 100 Mitgliedern in Zukunft wird es einfach sein, wichtige strategische Entscheidungen zu treffen. Die Interessen sind natürlich sehr verschiedenartig gelagert und werden auch regional unterschiedlich sein.

Dem gegenüber steht natürlich schlicht und einfach die Tatsache, dass Facebook alleine eine Marktkapitalisierung von über 500 Mrd. US-Dollar auf die Waagschale (lat. Libra) werfen kann, und natürlich die meisten der 27 teilnehmenden Firmen ebenfalls große regionale und teilweise globale Bedeutung haben. Dazu kommen über 2,5 Mrd. Nutzer der Facebook-Anwendungen, was dem Projekt sicher eine gute Ausgangslage verschafft.

CT: Welche Vorteile hat das Projekt und welche Implikationen für das Finanzsystem ergeben sich aus der Einführung einer solchen Digitalwährung?

DD: Libra hat das Potenzial, die größte Unternehmung der Welt im Bereich Finanzdienstleistungen zu werden. Mit Social-Media-, Entertainment- und Messenger-Apps quasi umsonst dazu. Die althergebrachten Zahlungsdienstleister und Banken sind die These, Bitcoin und die Krypto-Welt – die Antithese, und Libra vielleicht die Synthese, die als Brücke beide Welten zusammenbringen wird.

Wenn das eintrifft, werden für die Finanzbranche die Auswirkungen dementsprechend tiefgreifend sein. Möchte man ein Teil davon werden oder bleibt man außen vor und macht sein Geschäft weiter wie bisher? Oder hilft man bei der Verwaltung der stetig wachsenden Devisenbestände? Verbündet man sich in anderen Konstellationen vielleicht sogar gegen Libra? Und was werden die anderen Banken und Zahlungsdienstleister tun? 

Die nächsten Monate werden hier sicher für viele heiße Diskussionen auf den Geschäftsetagen führen und man konnte auch schon vor Libra beobachten, dass Themen wie Fintech, Blockchain, Tokenisierung und Kryptowährungen heute bereits deutlich ernster diskutiert werden als noch vor 2-3 Jahren.

CT: Welche gesellschaftlichen und politischen Folgen wird Libra haben? 

DD: Ganz so revolutionär wird es dann vermutlich doch nicht. Facebook-Nutzer werden ihre Aktivität sicher noch intensivieren und unkompliziert mit Libra bezahlen, wo das Sinn macht. Neue digitale Startups mit kreativen Ideen überlegen sich, ob sie wie bisher ihr Geschäft aufbauen, oder vielleicht gleich zu Beginn ihre Angebote innerhalb des Libra-Ökosystems entwickeln.

Am Ende wird es wohl auch so sein, dass eher die aktivsten Nutzer von Facebook, Whatsapp und Instagram – also die sogenannten Millennials und die “Generation Z” – über Erfolg oder Misserfolg entscheiden und nicht wir, die “Generation X” oder die "Silver Surfer". 

Aus politischer Sicht ergibt sich die einzig wichtige Frage: Wie werden Nationalstaaten, lokale aber auch supranationale Regulatoren mit diesem neuen "Planet Libra" umgehen? Viele Apps und Lösungen und damit auch deren Zahlungsströme machen nicht vor Landesgrenzen halt. In Ländern, die eine schwache Währung haben, könnte Libra, wie auch Bitcoin, eine attraktive Alternative werden, zum Beispiel für die Altersvorsorge oder Geschäftskunden.

Wie ziehe ich Steuern ein, wenn ein 14-jähriger Facebook-Nutzer in Südamerika regelmäßig Programmierdienstleistungen für ein Schweizer Startup in Zug erbringt und in Libra bezahlt wird? Werden Eltern in Zukunft Taschengeld in Libra zahlen, indem sie aber dafür einen automatischen Bericht bekommen, wofür das Geld ausgegeben wurde? Oder verdient die talentierte Tochter mit e-Sports oder als Influencerin dann so viele Libras, dass ihre Eltern plötzlich die Frühpensionierung einreichen können?

CT: Könnte Libra Bitcoin als wichtigste Kryptowährung ablösen?

DD: Gemessen an Volumen und Anzahl Transaktionen pro Tag kann das durchaus in Zukunft eintreffen, ja. Man schätzt den Nutzerkreis von Bitcoin heute immer noch als eher gering ein, das heißt, weniger als 1% der Weltbevölkerung. Mit Libra ist bereits ein erschlossenes Kundensegment von mehr als 2,5 Mrd. Menschen als potenzielle Nutzer mit an Bord, der Wirkungskreis ist damit deutlich größer.

An der Attraktivität von Bitcoin wird sich dadurch meiner Meinung nach aber nichts ändern. Beide sind zwar auf dem Blockchain-Prinzip basiert, aber dann doch sehr unterschiedlich ausgerichtet. Auf der einen Seite haben wir zentral gesteuerte, von großen Firmen verwaltete digitale Währung, auf der anderen eine bereits 10 Jahre alte “Grassroots”-Kryptowährung mit dezentraler Governance und einer Popularität über alle Alters- und Gesellschaftsgruppen hinweg.