Fintech-Investor Marc P. Bernegger: Facebook Libra ist wie damals Compuserve und AOL für das Internet

Die Vorstellung des Whitepapers von Facebooks Krypto-Projekt Libra für eine globale digitale Kryptowährung hat nicht nur in der Krypto-Szene für viel Unruhe gesorgt. Während etwa die Kryptobörse Binance der geplanten Kryptowährung positiv gegenübersteht und sogar eine Teilnahme als Knotenpunkt plant, hagelt es vor allem seitens  Politik und von Aufsichtsbehörden Kritik und Warnungen Richtung Facebook. 

So hat in den USA der parlamentarische Ausschuss für Finanzdienstleistungen Facebook zu einem vorübergehenden Stopp von Libra aufgefordert, eine ähnliche Forderung hatten zuvor auch mehr als 30 US-Lobbyverbände formuliert. In anderen Ländern wie Frankreich, Deutschland, Russland und Singapur stößt Libra bislang ebenfalls auf wenig Gegenliebe.

Um etwas Licht ins Dunkel zu bringen, haben wir acht renommierte Krypto-Experten aus dem deutschsprachigen Raum nach ihrer Einschätzung zu Facebook Libra befragt. Im siebten Teil verrät der Fintech-Investor und Verwaltungsrat der Crypto Finance AG Marc Bernegger, was er von Facebook Libra hält.

Cointelegraph auf Deutsch: Was halten Sie von Facebooks Libra?

Marc P. Bernegger: Ich finde diesen Schritt sehr mutig. Auch wenn Libra nicht viel mit den Idealen einer dezentralen Kryptowährung verbindet, finde ich den Ansatz spannend und eines der ambitioniertesten Projekte im Payment-Bereich derzeit.

CT: Könnte das Projekt von Facebook langfristig möglicherweise mehr schaden als nützen?

MB: Das glaube ich nicht. Durch Libra werden digitale Währungen erstmals von einer breiten Masse richtig wahrgenommen, was auch Kryptowährungen hilft, ähnlich wie damals Compuserve und AOL beim Aufkommen des Internets viele Endkunden erreicht hat. 

CT: Welche Vorteile hat das Projekt und welche Implikationen für das Finanzsystem ergeben sich aus der Einführung einer solchen Digitalwährung?

MB: Die Widerstände der bestehenden Institutionen gegen Libra sind enorm und es wird für Facebook eine große Herausforderung, den Status Quo mit Libra aufzubrechen.

CT: Welche gesellschaftlichen und politischen Folgen wird Libra haben?

MB: Die Frage, ob das Geldmonopol der Staaten heute wirklich noch zeitgemäß ist und inwieweit private Firmen diese Funktion mittelfristig übernehmen, wird in den nächsten Wochen und Monaten sicher mehr als genug Gesprächsstoff liefern.

CT: Könnte Libra Bitcoin als wichtigste Kryptowährung ablösen?

MB: Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen: Die vielen Vorteile einer echten dezentralen Lösung wie Bitcoin sind bei Libra nicht wirklich vorhanden.

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